Staat bekommt Prämie fürs Schulden machen

Clown mit Tomaten auf den Augen

Was vor kurzem noch als magerer Treppenwitz galt, hat nun ein weiteres Mal seinen Weg in die Realität gefunden. Die Anleiheauktion der Bundesregierung brachte abermals eine Negativrendite für die Anleger. Die Papiere mit zwölf Monaten Laufzeit brachen im Schnitt minus 0,0184% wie Reuters meldet. Trotz einer mehr als fünfachen ßberzeichnung kappte die Finanz GmbH überraschender Weise das Angebot und nahm nur 1,17 von 3 Milliarden Euro am Markt auf.


Diese Auktion zeigt in trauriger Wahrheit, wie brenzlig die Lage an den Märkten in Wirklichkeit ist. Das jemand bereit ist dafür eine Prämie zu zahlen um einem solventen Schuldner wie der Bundesrepublik Geld zu leihen ist ein untrüglicher Beweis für den mehr als desolaten Zustand des Finanzsystems. Besonders betroffen von der aktuellen Niedrigzinspolitik sind Pensionskassen, Lebensversicherungen und ähnliche, welche eine hohe Mindestrendite zugesichert haben, am Markt aber keine Rendite erzielen können. Versicherer sind an die Ratings der Agenturen gebunden und dürfen nicht in spekulativen Titeln investieren, was eigentlich zwingend notwendig wäre.

Abhilfe könnten hier bald die Garantien der EZB schaffen, alle Staatsanleihen unbegrenzt aufzukaufen. Mit der EZB als Bürgen und somit der gesamten Bevölkerung des Euroraumes, könnte das Versicherungsgesetz dort eventuell etwas gelockert werden.

Durch die enorm gesenkten Zinsen wurde zwar aus der Zinsdynamik der Druck etwas herausgenommen, welcher aber an anderer Stelle durch genau diese Maßnahmen wieder aufgebaut wird.

Carpe diem

Quelle : http://de.reuters.com/article/economicsNews/idDEBEE88N01X20120924

PS: Bitte nehmen Sie an unserer Umfrage teil


2 Responses to Staat bekommt Prämie fürs Schulden machen

  1. strom23 sagt:

    Anleihe Kauf von Schuldnern bei Negativzins = unbezahltes Vollzeit Praktikum mit Pflichteinlage.

    oh man..

  2. Frank H. sagt:

    Der Lauf der Dinge

    Die Pleite eines Landes folgt einem bestimmten Muster. Unser Autor hat das miterlebt. Ein Tagebuch aus der Argentinienkrise.

    Buenos Aires, 2. September 2000

    Am Morgen ruft Gerardo an. Er bittet mich um Hilfe und hat es eilig. Auf der Bank hat er 50000 Pesos gespart oder 50000 Dollar. Seit 1992 ist der Peso an den Dollar gekoppelt. Doch er traut der Sache nicht. Er hat einen guten Job als Meinungsforscher, besitzt mit seiner Frau eine Wohnung, verdient aber keine Reichtümer. Er ist 30 Jahre alt und hat in seinem Leben schon viele Währungen gesehen: den Peso Ley, den Peso Argentino, den Austral und jetzt den Peso. Währungen verlieren an Wert und werden ausgetauscht. Das Nachsehen haben immer die kleinen Sparer. Das gehört zur Geschichte Argentiniens. Dass sie sich alle Jahre wiederholt, gilt Gerardo als sicher.

    Seit zwei Jahren steckt das Land in der Rezession. Die Schulden steigen, Sparprogramm folgt auf Sparprogramm, die Note der Rating-Agenturen kommt in den Nachrichten noch vor dem Wetter.

    Eine Stunde später stehen wir in der Schlange einer Bankfiliale. Gerardo hebt so viel Geld ab, wie an einem Tag möglich. Wir falten die Dollar-Noten und stecken sie in die Hosentaschen. Zu Fuß gehen wir zu einer anderen Bank. Dort hat er ein Schließfach gemietet. Eine Woche lang werden wir das täglich wiederholen.

    Standard and Poor’s Rating – BB (Langfristig gibt es erhebliche Risiken)

    Buenos Aires, 9. September 2000

    Gestern Abend debattierten Juristen im Fernsehen darüber, ob die Verfassung auch den Inhalt von Bankschließfächern schütze. Da beschloss Gerardo, sein Geld ins Ausland zu schaffen. Er fragt, ob ich bei einer deutschen Bank in Buenos Aires jemanden kenne, der helfen könne. „Ich bin nicht paranoid“, sagt er, „aber wenn ich Auto fahre, schnalle ich mich ja auch an.“

    Ein Freund seines Vaters kennt jemanden bei der Citibank. Gerardo bekommt einen Termin. Im zweiten Stock stehen schwere Ledersessel, ein Kellner serviert Kaffee, auf einem Tisch liegt die Wirtschaftspresse. „Guten Tag, Señor.“ Ob es möglich wäre, ein Konto in den USA zu eröffnen? Prinzipiell schon. Wie viel er denn habe? 50000. Nein, zu wenig.

    Rating-Note – BB

    Buenos Aires, 24. September 2000

    Eine Delegation des Internationalen Währungsfonds (IWF) landet in Buenos Aires. Sie will mit der Regierung über die Reduzierung des Haushaltsdefizits und der Schulden sprechen. Von 1990 bis 2000 haben sich die argentinischen Schulden verdoppelt und belaufen sich insgesamt auf 200 Milliarden Dollar. Das entspricht dem Wert der argentinischen Exporte in acht Jahren. Die Regierung von Präsident Fernando de la Rúa friert die Löhne der Beamten und die Renten ein und erhöht die Steuern. Kommendes Jahr muss die Regierung fällige Schulden in Höhe von 13 Milliarden Dollar tilgen, das sind 20 Prozent der Staatsausgaben.

    Rating-Note – BB

    Buenos Aires, 25. September 2000

    Das Viertel zwischen Börse und Zentralbank wird City genannt. Geldtransporter fahren durch die engen Straßen, Leuchttafeln zeigen die Kurse für Aktien, Anleihen und Devisen an, aus den Klimaanlagen tropft Kondenswasser. Banken reihen sich an Wechselstuben, legale und illegale Geldgeschäfte lassen sich hier kaum unterscheiden. „Das sind Höhlen“, sagt Gerardo. In den engen Bürotürmen wird jedes Problem gelöst – vorausgesetzt man kennt einen, der einen kennt.

    Gerardos Chef empfiehlt ihm einen Mann in der Maipú-Straße. Ein gepflegter Herr mit Goldknöpfen auf dem Jackett und einem jovialen Lächeln. Gleich heute könne er ihm ein Konto in der Schweiz eröffnen. Gerardo müsse sein Geld nur in einer Wechselstube um die Ecke einzahlen, „und binnen 24 Stunden sage ich dir, ob alles geklappt hat“. Garantien gibt es keine. Nur das Wort eines Mannes, der schon andere nicht betrogen hat.

    Rating-Note – BB

    Buenos Aires, 26. September 2000

    50000 Dollar in bar passen nicht in die Hosentasche. Eine Plastiktüte erschien uns die unauffälligste Tarnung. Auf der Straße sehen wir dann plötzlich viele Menschen mit Plastiktüten unter dem Arm. An der Rezeption einer Wechselstube nennt Gerardo seinen Namen, es wird kurz telefoniert, dann erscheint ein junger Mann, er grüßt, als würde er uns kennen. „Ich habe schon auf euch gewartet“, sagt er und führt in ein Hinterzimmer. Routiniert zählt er das Geld, häuft Stapel zu je 5000 Dollar, wickelt um jeden ein Gummiband. Dann steht er auf, reicht die Hand, sagt zu Gerardo: „Du wirst von uns hören.“ Es gibt keine Quittung.

    Rating-Note – BB

    Buenos Aires, 27. September 2000

    Aus dem Fax-Gerät schiebt sich ein Brief. Darin stehen der Name einer Schweizer Bank, Gerardos Name, eine Kontonummer und der Saldo: 49700 Dollar. Das Geschäft der Geldjongleure ist simpel. Sie haben einen Tresor in Buenos Aires und ein Konto in der Schweiz. Wer Geld außer Landes schaffen will, zahlt in Argentinien bar und bekommt es auf einem Schweizer Konto gutgeschrieben. Tatsächlich wird das Geld physisch nie verschoben.

    Rating-Note – BB

    Buenos Aires, 7. Oktober 2000

    Der Vizepräsident Carlos „Chacho“ Alvarez tritt zurück. Er sagt: „Es gibt eine wirtschaftliche und eine politisch-moralische Krise.“ Die Investmentbank Goldman Sachs warnt in einem Newsletter mit der Überschrift „Vorsicht!“ vor Argentinien. J.P. Morgan prophezeit, dass das Land in diesem Jahr die niedrigste Wachstumsrate Lateinamerikas haben wird. Ende des Jahres werden elf Milliarden Dollar Schulden fällig.

    Rating-Note – BB

    Buenos Aires, 9. November 2000

    Nach dem Essen kommt Leandro, der Wirt, zu uns an den Tisch. Vor einem halben Jahr hat er ein Restaurant im Viertel Palermo eröffnet. Besonders auf seine Weinkarte ist er stolz. Er erklärt, warum er bei Barzahlung 15 Prozent Rabatt gibt: „Dann spare ich die Mehrwertsteuer.“ Fast alles, was er braucht, bezahlt er bar. Den Wein, das Fleisch, den Fisch, das Schmiergeld für die Polizei. Jeden Abend steckt er die Einnahmen in die Hosentasche. Am nächsten Morgen tauscht er Pesos gegen Dollar und legt sie in sein Schließfach. Gestern hörte er im Autoradio den Präsidenten sagen: „Es wird keine Abwertung des Pesos geben.“ Da war er alarmiert.

    Rating-Note – BB

    Buenos Aires, 27. November 2000

    Mit einem 15-Milliarden-Dollar-Kredit verhindert der IWF die Staatspleite. Die Wachstumsprognose für das laufende Jahr: null bis 0,5 Prozent. Für das kommende Jahr werden 2,5 Prozent geschätzt. Zwischen 1991 und 1998 lag die Zahl bei 6,2 Prozent.

    Rating-Note – BB- (Mit Problemen ist zu rechnen)

    Buenos Aires, 29. November 2000

    In der Wirtschaftszeitung „El Crónista“ ein Interview mit Rudiger Dornbusch, einem namhaften Ökonomen: „Ich sehe keine Lösung für Argentinien. Man könnte Reformen machen, aber das Land hat sie schon gemacht. Manchmal gibt es Situationen, in denen man keine Antwort hat. Es ist eine Tragödie.“

    Rating-Note – BB-

    Buenos Aires, 15. Dezember 2000

    Wieder wird die Pleite verhindert. Der IWF und andere Institutionen gewähren einen Kredit in Höhe von 38 Milliarden Dollar. Das Geld wird dafür verwendet, fällige Schulden zu begleichen.

    Rating-Note – BB-

    Buenos Aires, 2. Februar 2001

    Ricardo betreibt den Bringdienst Pizza-Jet im Viertel Palermo. Täglich ist er auf dem Großmarkt. Alle dort wüssten: „Es liegt in der Luft, es wird etwas passieren.“

    Rating-Note . – BB-

    Buenos Aires, 21. Juni 2001

    Schon wieder wird der Staatsbankrott abgewendet. Gläubiger und die Regierung einigen sich auf einen Schuldentausch. Demnächst fällig werdende Titel im Wert von 30 Milliarden Dollar werden in Papiere mit einer langen Laufzeit, zum Teil bis 2031, umgewandelt. Zum Preis höherer Zinsen.

    Rating-Note – B (Gerade noch in der Lage, seinen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen)

    Buenos Aires, 7. Juli 2001

    Die Dresdner Bank Lateinamerika verschickt einen Rundbrief. Erstmals werden auch die Banker deutlich: Sie wollen eine Staatspleite Argentiniens „nicht mehr vollkommen ausschließen“.

    Rating-Note – B

    Buenos Aires, 20. Juli 2001

    Die Regierung beschließt das Null-Defizit-Gesetz. Gehälter von Staatsangestellten und Renten werden um 13 Prozent gekürzt. Auch in der Privatwirtschaft sinken die Löhne. Der Konsum bricht ein und dadurch die Staatseinnahmen.

    Rating-Note – B- (sehr anfällig)

    Buenos Aires, 9. August 2001

    Die Regierung hat kein Geld mehr und bezahlt die Beamten mit Lecop. Das sind Schuldscheine. Viele Geschäfte akzeptieren sie als Zahlungsmittel. Die Provinz von Buenos Aires zieht nach und druckt Patacónes. In Córdoba heißen sie Lecor, in Entre Ríos Federales, in Corrientes Cecacor … Jede Provinz hat ihre eigene Quasi-Währung. Ricardo, der Pizza-Mann, sagt: „Ich nehme jeden Schein. Auf dem Markt kann ich alles tauschen.“ Ob er noch Geld auf der Bank habe? „Auf welcher Bank?“

    Rating-Note – B-

    Buenos Aires, 14. August 2001

    Seit Anfang des Jahres wurden 7,6 Milliarden Dollar von den Banken abgezogen. Die Dollar-Reserven der Zentralbank schmolzen auf 15 Milliarden. Alle tauschen Pesos gegen Dollar.

    Rating-Note – B-

    18. August 2001

    Die Banken stehen kurz vor dem Zusammenbruch. Der IWF gewährt einen Kredit in Höhe von acht Milliarden Dollar, um sie zu stabilisieren.

    Rating-Note – B-

    Buenos Aires, 1. Dezember 2001

    Die Regierung friert die Bankkonten ein. Die Argentinier dürfen nur noch 250 Pesos pro Woche abheben. Dollars werden nicht mehr ausbezahlt. So soll angeblich der Zusammenbruch der Banken verhindert werden.

    Am Abend stehen in den Mittelklassevierteln von Buenos Aires Tausende von Argentiniern auf der Straße und protestieren gegen die Maßnahme. Der Wirtschaftsminister versucht zu beschwichtigen: „Wer Dollars eingezahlt hat, wird Dollars rauskriegen.“

    Rating-Note – SD (Zahlungsausfall in einigen Bereichen)

    Buenos Aires, 2. Dezember 2001

    In der City lassen die Banken die Gitter herunter. Nur Alfredo Piano, Besitzer der Banco Piano, steht hinter dem Tresen. „Es ist ein Dekret der Regierung, Señor, wir können nichts machen.“ Er ist der einzige Banker, der sein Gesicht zeigt.

    Rating-Note – SD

    Buenos Aires, 16. Dezember 2001

    Gärtner, Schreiner, Klempner, die immer bar bezahlt werden, haben keine Einkünfte. In Buenos Aires werden Supermärkte geplündert.

    Rating-Note – SD

    Buenos Aires, 19. Dezember 2001

    Überall im Land werden Supermärkte geplündert. Präsident De la Rúa verhängt in einer Fernsehansprache den Ausnahmezustand. Unmittelbar danach füllen sich die Straßen mit Demonstranten.

    Rating-Note – SD

    Buenos Aires, 20. Dezmber 2001

    Zehntausende demonstrieren gegen die Regierung. Bei Straßenschlachten feuert die Polizei mit Tränengasgranaten und Gummigeschossen. In Buenos Aires kommen fünf Menschen ums Leben, 21 in anderen Städten. De la Rúa tritt zurück. Die Luftwaffe fliegt ihn mit dem Hubschrauber aus dem Präsidentenpalast aus. Der Senatspräsident Ramón Puerta wird neuer Staatschef.

    Rating-Note – SD

    Buenos Aires, 21. Dezember 2001

    Die Zentralbank verfügt, dass die Banken und die Geldautomaten am 21., 24. und 26. Dezember geschlossen bleiben.

    Rating-Note – SD

    Buenos Aires, 22. Dezember 2001

    Ich habe fast kein Geld mehr. Übermorgen kommt ein Freund aus Deutschland. Ich bitte ihn, mir Dollar mitzubringen. „Wie viel brauchst du?“ – „Kriegst du 5000 Dollar?“ Man weiß ja nicht, wie lange das alles dauert. Mit Ricardo von der Pizzeria vereinbare ich, dass ich anschreiben darf. Wenn es wieder Geld gibt, werde ich in der Währung bezahlen, die dann gültig sein wird.

    Rating-Note – SD

    Buenos Aires, 23. Dezember 2001

    Ein Schweizer Magazin will für einen Gastbeitrag G. gewinnen, einen bekannten Schriftsteller. Er ist bereit, einen kritischen Essay zu schreiben. Wir einigen uns auf 1500 Dollar Honorar. Dann hat er eine Bitte. Wäre es möglich, das Geld in bar zu bekommen?

    Rating-Note – SD

    Buenos Aires, 23. Dezember 2001

    Wieder ein neuer Präsident. Rodriguez Saá, Gouverneur der Provinz San Luis, wird vereidigt. Als erste Amtshandlung erklärt er die Staatspleite. Es ist die größte Geldvernichtung in der Geschichte des Landes. 134,9 Milliarden Dollar Schulden hatte der Zentralstaat. 76 Milliarden Auslandsschulden gegenüber privaten Gläubigern werden nicht mehr bedient.

    Rating-Note – SD

    Buenos Aires, 26. Dezember 2001

    Im Zentrum stehen plötzlich Männer, die sie Bäumchen nennen. Wenn man an ihnen vorbeiläuft, flüstern sie: „Wechseln? Willst du wechseln?“ Der Kurs: Für einen Dollar gibt es jetzt 1,15 Pesos. Selbst in einer Bankfiliale im Hinterzimmer finde ich jemanden, der Geld tauscht.

    Rating-Note – SD

    Buenos Aires, 31. Dezember 2001

    Präsident Saá tritt ab. Eduardo Camaño wird sein Nachfolger.

    Rating-Note – SD

    Buenos Aires, 1. Januar 2002

    Kurz vor Mitternacht ernennt der Kongress Eduardo Duhalde zum Präsidenten. Er ist der fünfte Staatschef in zwei Wochen.

    Rating-Note – SD

    Buenos Aires, 8. Januar 2002

    Um das Geld für G. zu beschaffen, hat man mich jemandem empfohlen. In der City betrete ich ein altes Gebäude. Holzvertäfelte Wände, Fischgrätenparkett sogar im Aufzug, nirgends ein Schild. Ich stelle mich vor. „Ach ja. Kommen Sie rein.“ Mein Kontaktmann sagt, das Magazin solle das Geld für G. auf eine Schweizer Bank überweisen. „Schreiben Sie als Verwendungszweck: ‚Für Meier'“. Dann notiert er die Kontonummer auf einem Notizzettel des Hilton-Hotels. Kein Name.

    Rating-Note – SD

    Buenos Aires, 10. Januar 2002

    Das Telefon klingelt. Es ist mein Kontaktmann. Das Geld sei da. Ob es mir passen würde, gegen 16 Uhr vorbeizukommen? In dem schummrigen Zimmer reicht er mir 15 Hundert-Dollar-Scheine. „Fertig.“ Keine Unterschrift, keine Quittung. „Vielen Dank. Wenn Sie was brauchen, Sie wissen ja, wo Sie uns finden.“ Ich gehe die acht Blocks zur U-Bahn zu Fuß, nehme kein Taxi. Im Zentrum werden Fahrgäste in letzter Zeit oft ausgeraubt.

    Rating-Note – SD

    Buenos Aires, 11. Januar 2002

    Die Banken öffnen wieder. Der Peso ist abgewertet. Zunächst ist der Kurs ein Dollar für 1,40 Pesos. Er wird in diesem Jahr 70 Prozent an Wert verlieren, das Wachstum um 10,8 Prozent einbrechen. Die Arbeitslosenrate liegt bei 21,1 Prozent, 12,7 Prozent der Erwerbsfähigen gelten als unterbeschäftigt und auf Arbeitssuche, weitere 5,9 Prozent sind unterbeschäftigt und suchen nicht mehr.

    Rating-Note – SD

    Buenos Aires, 27. April 2002

    Roberto Lavagna wird Wirtschaftsminister. An seinem ersten Arbeitstag gibt er die Bankkonten frei. Er muss die Umschuldungsverhandlungen führen und darauf achten, dass die Zahlungen das Wachstum nicht abwürgen, was ihm gelingt.

    Rating-Note – SD

    Buenos Aires, 27. November 2005

    Lavagna wird von Präsident Néstor Kirchner entlassen, weil er zu populär wurde.

    Gerardo hat mit seiner Frau im Juli 2001 Argentinien verlassen. Sie leben seither in Spanien.

    Ricardo musste seine Pizzeria 2006 schließen. Er wurde ein Opfer des Aufschwungs, als die Mieten stiegen.

    Leandro ist Teilhaber an zwei Bars in Buenos Aires.

    Der Schriftsteller G. schreibt kaum noch Romane. Er hat sich auf politische Essays spezialisiert.

    Rating-Note – B- (sehr anfällig)

    Hamburg, 9. Juni 2012

    Kurz vor dem ersten Spiel der deutschen Nationalelf bei der EM klingelt das Telefon. Gerardo ruft aus Spanien an. Er lebt mit seiner Familie in Barcelona. Vieles, was dort passiert, glaubt er schon einmal erlebt zu haben: das verzweifelte Sparen, die Arbeitslosigkeit, die Rezession. Vor einigen Wochen hat er sein Konto geleert und seine Ersparnisse in einem Schließfach deponiert. Er fragt, ob ich ihm helfen könne. „Glaubst du, ich kann bei einer Bank in Deutschland ein Konto eröffnen? Ich bin nicht paranoid, aber …“ –

    http://www.brandeins.de/magazin/digitale-wirtschaft/der-lauf-der-dinge.html

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