Der Wind dreht sich – Steinbrück und die Clowns

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Peer Steinbrücks politisches Ende schien bereits beschlossen. Ein Einzug in die Berliner Waschmaschine des Millionärs und SPD-Kanzlerkandidaten war allenfalls noch Gegenstand von Frotzeleien in den meinungsmachenden Medien, die Wiederwahl Merkels ausgemachte Sache. Nun aber könnte sich das Blatt zugunsten des vom politischen Gegner als „Peerlusconi“ Verspotteten wenden.

Der Ausgang der Parlamentswahlen in Italien, bei denen der ehemalige Komiker Beppe Grillo viele Enttäuschte und Wütende hinter sich versammeln konnte, war für Steinbrück eine Steilvorlage. Als einfacher Bundestagsabgeordneter muss er sich – Kanzlerkandidatur hin oder her – nicht wegen diplomatischer Finessen den Kopf zerbrechen, sondern kann sich als das präsentieren, was er gerne wäre: ein Klartext-Politiker. Und so gerierte er sich denn auch auf einer Veranstaltung, die passenderweise „Klartext mit Peer Steinbrück“ zum Titel hatte und nannte die beiden Wahlgewinner, Grillo und den früheren Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, „Clowns“. So weit, so unspektakulär.

Die Reaktionen auf die Äußerung des mit 66 Jahren nicht mehr ganz jungen SPD-Kandidaten ließen nicht lange auf sich warten, neben der in den vergangenen Monaten üblichen Schelte kam dieses Mal allerdings auch so etwas wie Bewunderung für Steinbrück auf: Hat er nicht recht mit seiner Aussage, dass die Italiener die aus europäischer und deutscher Sicht falschen Kandidaten wählten, fragte sich so mancher Bundesbürger, der den Weg zur Wahlurne noch findet. Der rot angemalte Kandidat hatte es mal wieder geschafft: Er ist im Gespräch, bekommt die für einen Politiker so wichtige mediale wie öffentliche Aufmerksamkeit und scheint dieses Mal den richtigen populistischen Ton angeschlagen zu haben. Die alte Binsenweisheit, nach der das Wahlvolk sehr vergesslich ist, greift auch hier. Statt über die Vorliebe Steinbrücks für höherpreisigen Wein, das viele Geld, was er in den Monaten als Teilzeit-Abgeordneter des Deutschen Bundestags durch „Nebentätigkeiten“ verdient hat und die anderen kleineren und größeren Fettnäpfchen, in die er trampelte, all das scheint bereits wieder vergessen.

Steinbrücks Äußerung ist auch deshalb Gegenstand wohlwollender Kommentare und er selbst auf den Titelseiten mit bunten Bildern vertreten, weil seine Kontrahentin, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), so blass ist. Wir kennen das ja von ihr: Die in der DDR groß gewordene Kanzlerin ist keine, die ihre Politik groß erklärt. Nun wird allerdings auch für den Wähler zunehmend ersichtlich, dass Merkel gar keinen eigenen politischen Gestaltungswillen hat. Sie weiß nicht, was sie politisch will, sondern redet dem offensichtlich an Schizophrenie leidenden Volk nach dem Munde. Auf eine exemplarische Auflistung ihrer Wendungen soll hier verzichtet werden, viel eher muss konstatiert werden, dass der Kanzlerin schwindelig geworden zu sein scheint, ob ihrer vielen Pirouetten, die sie auf dem politischen Parkett in der jüngeren Vergangenheit dargeboten hat. Merkel als Getriebene, das Bild dürfte Genosse Peer gefallen. Und dabei hat der Wahlkampf noch gar nicht richtig begonnen.

Im Bundesrat spielte sich am Freitag eine von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtete und auch deshalb erwähnenswerte Zurschaustellung der neuen Macht von Rot-Grün ab: Die Regierungschefs der Länder, die mittlerweile mehrheitlich von SPD, Grüne und Linke regiert werden, hatten die Chuzpe, das Gesetz zum EU-Fiskalpakt, Merkels Projekt, durchfallen zu lassen und den Vermittlungsausschuss anzurufen. Merkel wurde damit nichts anderes als eine schallende Ohrfeige erteilt, ist sie es doch, die Europa zu mehr Sparsamkeit erziehen will. Nun kriegt sie nicht einmal im eigenen Land das Gesetz durch die Institutionen. Weil der Wähler politische Nein-Sager und Blockierer nicht mag, beeilten sich die Vertreter von Rot-Grün damit, darauf hinzuweisen, dass das Nein der Länderkammer auf monetäre und nicht etwa politische Gründe zurückzuführen sei.

Als wäre das alles nicht schon schlimm genug, finden sich im von uns heißgeliebten Internet seit einigen Tagen wieder einmal Vorwürfe gegen Merkel, was ihre Vergangenheit in der DDR angeht. Böse Gerüchte über das Leben vor der politischen Karriere können selbige zerstören, selbst wenn es nur um die Vergangenheit der Ehefrau oder des Ehemannes geht, wie uns erst vor kurzem am Beispiel unseres einstigen Staatsoberhauptes anschaulich beigebracht wurde. Insofern scheinen diejenigen, die den Abgesang auf Steinbrück für verfrüht hielten, recht zu behalten, selbst wenn Merkel nun versucht, der SPD die Themen wegzunehmen, mit denen ein Politiker beim Volk punkten kann. Es fehlt eigentlich nur noch eine offene Anbiederung an die aus unerfindlichen Gründen immer noch starken Grünen, die Hipster im politischen System Deutschlands. Da Merkel prinzipiell mit jedem regieren kann, der ihr das Regieren ermöglicht, ist es so unwahrscheinlich nicht, dass sie da noch einen Umgarnungsversuch unternehmen wird. Natürlich nicht sie selbst, dafür hat sie ihre Getreuen, die sie zum Vorfühlen vorschicken kann.

Steinbrück jedenfalls macht – ob man nun will oder nicht – in dieser Woche eigentlich alles richtig, er orientiert sich in gewisser Weise an Merkel, indem er sich als das genaue Gegenteil der Kanzlerin darstellt. Dabei geht es nicht so sehr um die Themen, die beide gleichermaßen zu besetzen versuchen, sondern viel eher um den Habitus. Dort, wo Merkel kraft- und fast schon willenlos erscheint, präsentiert sich der selbsternannte Klartext-Politiker als jemand, der um seine klaren Kanten weiß, der anecken und polarisieren will. Nicht nur um im Gespräch und auf den Titelseiten zu bleiben, sondern um die Wachablösung im Kanzleramt zu realisieren. Den Staffelstab dafür könnte er schon bei seiner Teilnahme an der Bilderberg-Konferenz überreicht bekommen haben.

Merkel ihrerseits droht sich an den Themen, die sie sich von der SPD und den Grünen einzuverleiben gedenkt, die Kanzlerinnenfinger zu verbrennen: Der Mindestlohn dürfte dank der FDP allenfalls in stark abgespeckter Form daherkommen, wenn Schwarz-Gelb weiter regieren sollte. Die Gleichstellung homosexueller Lebenspartnerschaften wiederum dürfte an der ewiggestrigen CSU scheitern, die Bayern gefühlt schon wesentlich zu lange regiert. Während sich die Christsozialen momentan nicht so sehr wegen des latenten Wunsches des Volkes nach Abwechslung hinsichtlich der regierenden Parteien fürchten müssen, sieht das bei unserer Kanzlerin schon anders aus. Dass die Wähler im Falle einer tatsächlichen Inthronisierung Steinbrücks als Kanzler jedoch nur vom Regen in die Traufe kommen, ist für den geneigten Leser dieser Seite hoffentlich nachvollziehbar.


25 Responses to Der Wind dreht sich – Steinbrück und die Clowns

  1. Janu sagt:

    Ein treffender Artikel, gerade auch das Resümee: „Dass die Wähler im Falle einer tatsächlichen Inthronisierung Steinbrücks als Kanzler jedoch nur vom Regen in die Traufe kommen, ist für den geneigten Leser dieser Seite hoffentlich nachvollziehbar.“

    Zumindest haben die Italiener den „bösen (Goldman-Sachs) Clown“ Mario Monti abgewählt. Uns gelingt es ja leider nicht, die Clowns Merkel-Steinbrück-Trittin-Rösler abzuwählen.

    Zu Steinbrück sehr gut auch: http://www.mmnews.de/index.php/wirtschaft/12255-euro-clowns .

    Ausgezeichnet auch: Webster Tarpley zur italienischen Wahl und insbesondere zur Entlarvung Grillos als italienische „Tea Party“-Kopie (leider nur in Englisch): http://tarpley.net/2013/02/28/demagogue-beppe-grillo-betrays-italian-voters-demands-brutal-energy-austerity .

  2. impfgegner sagt:

    wenn sogar auf seiten wie diesen geschrieben wird, dass sich der wind dreht, dann wird er sich drehen. so funktioniert die einfache manipulation der massen. jeder der das so schreibt, macht sich zum gehilfen der bilderberger.
    warum schweigen wir diesen roten deutschen clown nicht einfach tot? er hat mich schon, als er noch an der regierung war, genervt und das wollte ich mir ein zweites mal ersparen. auch wenn es in deutschland nur not gegen elend zu wählen gibt, meinen ruf im ausland lass ich mir von so einem billig populisten wie dem kleinbrück nicht kaputt machen!

  3. Frank H. sagt:

    Nach einer DiktatEUse bekommen wir einen EUroPsychoPaten.
    Mal guggen wann ein Pellegrini der Deutschen aufkreuzt. Er könnte Ratzinger heissen.

  4. Seb sagt:

    „wenn sogar auf seiten wie diesen geschrieben wird, dass sich der wind dreht, dann wird er sich drehen.“

    Du scheinst die Wirkungsmacht dieses Internet-Blogs zu überschätzen. Ohne Jens zu nahe treten zu wollen, denke ich nicht, dass IKN zur „Manipulation der Massen“ taugt.

    „jeder der das so schreibt, macht sich zum gehilfen der bilderberger.“

    Weil ich beschreibe, was momentan Sache ist in Deutschland, was die Meinung zu Steinbrück anbelangt?! Auch selbstauferlegte Zensur bleibt Zensur, insofern halte ich es für falsch, Dinge nicht zu beschreiben, nur weil sie einem selbst nicht gefallen/passen.

    „warum schweigen wir diesen roten deutschen clown nicht einfach tot?“

    Weil er durch das Verschließen der Augen ja nicht verschwindet…

    Viele Grüße,

    Seb

  5. Polygon sagt:

    Bei Peer Steinbrück war es von Anfang an klar, dass man die Leichen alle aus dem Keller holt und ihn dann wieder von Grund auf aufbaut / pusht.

  6. Jens Blecker sagt:

    Agree. Niemand wäre so bescheuert das gesamte Pulver so lange im Voraus zu verschiessen. Da wird eine clevere Taktik angewandt und Peerchen zum Held der Wahrheit und Mann der Tat aufgebaut.

  7. Polygon sagt:

    Also ich bleibe dabei: Wenn die CDU bei der nächsten Wahl keine Koalition auf die Reihe kriegt, dann wird ROT-GRÜN am Zuge sein: Steinbrück Kanzler und Trittin Finanzminister!

    Den Glauben an Demokratie hab ich jedenfalls schon verloren.

  8. Frank H. sagt:

    Antieuro-Partei hat sich gegründet. Günter Lachmann berichtet sehr eindrucksvoll:
    http://www.welt.de/politik/deutschland/article114091447/Anti-Euro-Partei-geisselt-die-Politik-der-Kanzlerin.html

  9. Frank H. sagt:

    Super erkannt. Erst wird er „gebasht“ als der Prügelknabe der Nation – „Arbeiterfreundlich“ – dann wir der hochgejubelt.
    WEIL: es ist beschlossene Sache der Bilderberger das es 2013 ROTGRÜN werden soll!
    Das Hosenanzug ist den Eliten als Spielzeug langweilig.
    Ein neues Häschen muss her.

  10. Frank H. sagt:

    BILDERBERGER: Um den Plan weiter zu verfolgen benötigen die EULITEN Ruhe.
    Sie können einen Volksaufstand jetzt nicht gebrauchen!!
    Und mit RotGrün wird die Deindustrialisierung schneller vorankommen als unter SchwarzGelb.

  11. gandalf sagt:

    „Da wird eine clevere Taktik angewandt und Peerchen zum Held der Wahrheit und Mann der Tat aufgebaut.“

    Klar! Nur frag ich mich ernsthaft – wieso du auch noch in dasselbe Horn stösst?
    Bist du Teil der „cleveren Taktik“?

  12. marco sagt:

    Interessant was die Springer Presse so veröffentlicht.

    Da versuchen wohl einige ihren Hals aus der Schlinge zu ziehen.
    Bin mal gespannt was die nächsten Wochen so passiert.

  13. Jens Blecker sagt:

    Hast du mal geschaut wer der Autor ist? Steht da Jens Blecker? Lesen —> Nachdenken —> Posten bzw Beschuldigen!

  14. Frank H. sagt:

    Lachmann hat die Front gewechselt:
    Guggst Du hier, sein eigenes Portal:
    http://www.geolitico.de

  15. gandalf sagt:

    Klar! Du gibst dem aber Raum – also…

    Lesen —> Nachdenken —> Posten…und… Beschuldigen!

    Schon alles ok, was ich sagte.

  16. Frank H. sagt:

    Die Pointe is a bisserl schwer zu verstehen, Jens. -.o

  17. Jens Blecker sagt:

    Wieso zweigleisig? Was meinst du damit?

  18. Zartbitter sagt:

    @Jens:

    Der kann doch als Autor bei der Welt schreiben, und
    trotzdem eine eigene Seite haben, also zweigleisig!

  19. Jens Blecker sagt:

    Ja hat er doch? Aber der Begriff ist irgendwie irreführend?

  20. Zartbitter sagt:

    Jens ich kann an Zweigleisig nichts schlechtes
    entdecken, und wenn Du es als negativ auffasst,
    dann kann ich nichts dafür. Es war zumindest
    nicht von mir so angedacht, sondern sollte nur
    meinen, warum man nicht mehrere Schienen
    gleichzeitig fahren kann.

    Wieso ist das bei Dir gleich negativ besetzt.

    Nochmal: Wenn es dich irritiert, es war so
    gemeint wie ich es geschrieben habe ohne

    Zweideutigkeiten.

  21. Seb sagt:

    Was heißt denn hier ins selbe Horn stößt? Mal abgesehen von dem Satz, dass er in dieser Woche eigentlich alles richtig gemacht habe, habe ich mich ja nun nicht verdächtig gemacht, ein Freund von Peer oder den sogenannten Sozialdemokraten zu sein und wenn Du den Text aufmerksam gelesen hättest, wäre dir das vielleicht auch aufgefallen… stattdessen lieber eine VT in der VT in der VT … hinein zu konstruieren mag gewiss spaßiger sein, letztendlich ist es aber nicht viel mehr als sinn- und ziellos.

    Viele Grüße,

    Seb

  22. Frank H. sagt:

    Giftmischer Steinbrück: Bundesfinanzministeriumsbeamte rechnen mit ihrem Ex Chef ab!
    Man kann Schäuble diesem gleichstellen (Der Gleichstellungsbeauftragte Jens Blecker hatte ja dazu berichtet!):
    http://www.wiwo.de/politik/deutschland/eurokrise-finanzministerium-rechnet-mit-ex-chef-steinbrueck-ab/7861464.html

  23. David67 sagt:

    Hallo Janu,
    Beppe Grillos Bürgerliste ist die einzige Alternative in Europa(!), die das System friedlich knacken kann. Der Tarpley liegt total daneben und du findest das ausgezeichnet. Beppe Grillo versucht die Menschen in Italien seit ca. 30 jahre aufzuklären und aufzuwecken. Als Wunschopposition hätte man auch in Italien lieber eine Piratenpartei die sich bei Bedarf wieder in Luft auflöst. Informier Dich also ein bisschen besser und Du wirst sehen, dass man von den Italienern noch etwas positives lernen kann.

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