Qualitätsjournalismus kostet Geld: Bildzeitung bekommt Paywall

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Das Verlagswesen kämpft ums blanke Überleben, immer mehr Angebote werden eingestellt oder verschwinden hinter Bezahlschranken. Zumindest noch bietet das Internet zahlreiche Alternativen und in Deutschland versucht der Springerverlag, seinen langsamen Tod mit entsprechenden Modellen am Leben zu erhalten. Diese Palliativmedizin könnte helfen, muss sie aber nicht. Zumindest bei der Bildzeitung will man nun versuchen, mit Mehrwerten an das Geld der Leser zu gelangen, was ein vernünftiger Ansatz sein könnte.


Als ich gestern die ersten Zeilen zur Paywall in der Wirtschaftswoche las, konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen. Dort hieß es:

„Guter Journalismus“, predigt „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann, „muss etwas kosten, nur mit Anzeigen lässt er sich nicht finanzieren.“[1]

Prima dachte ich mir, dann bleibt die Bild ja kostenlos, guter Journalismus ist dort nicht zu finden. 😉 Wäre das Blatt nicht ein derartiges Trash- und Boulevardmagazin, würde ich durchaus auch dafür zahlen.

An dieser Stelle möchte ich kurz eine Anekdote vom gestrigen Tage zum Besten geben. Neben dem Technology Review habe ich mir auch den NewScientist abonniert, auch wenn dieser bei Weitem nicht die selbe Klasse hat. Gestern nun hatte ich die Grabeskarte des Magazins in meinem Postkasten mit der Ankündigung, das Magazin würde am 31. Mai 2013 das letzte Mal in deutschsprachiger Ausgabe erscheinen, da es keine hinreichende wirtschaftliche Perspektive dafür gäbe. So weit, so gut.

Im weiteren Verlauf des Anschreibens jedoch dachte ich, mich tritt ein Pferd. Man teilte mir mit, dass mein Restguthaben „großzügig aufgerundet“ würde und ich statt des NewScientist von nun an den Spiegel bekommen würde. Sollte ich das nicht wollen, müsste ich dem Kundendienst das mitteilen. Dem leistete ich dann auch Folge und rief dort an. Am Telefon sagte ich der Mitarbeiterin, dass ich es spannend finde, dass der Verlag selbst den Spiegel und den NewScientist im gleichen intellektuellen Spektrum verorten würde. Vor zehn Jahren, sagte ich ihr, wäre ich auf das Angebot eingegangen, nun jedoch hätte ich lieber meine Kohle wieder. Ein leichtes Seufzen am anderen Ende war zu hören und die Überweisung wurde mir zugesichert.

Kommen wir zurück zur Paywall. Der Versuch von Bild ist konsequent, allerdings bezahlen die Menschen bereits so hohe Summen für das Entertainment, dass die Möglichkeiten immer weiter beschränkt werden. Ob man dann auch noch bereit, ist für eine Bildzeitung bis zu 14,99 Euro + eventuell 2,99 Euro für Videoclips der Bundesliga zu bezahlen, wird die Zeit zeigen. Die Welt ist mit ihrem Bezahlmodell zumindest nach unserer Einschätzung fulminant gescheitert.

Es sind neue Strukturen notwendig und guter Journalismus kostet tatsächlich Geld. Warum wird nicht tatsächlich mal darüber nachgedacht, Journalismus – und damit ist auch der freie gemeint – mit den GEZ-Gebühren zu finanzieren. Entscheiden können die Bürger, wer wie viel Geld bekommt, sozusagen über die Einschaltquoten.

Kai Diekmann und seinem Qualitätsblatt wünsche ich viel Erfolg bei dem Versuch, der Meute Geld für Sensationsjournallie abzupressen. Ob es gelingt, wage ich noch zu bezweifeln. Immerhin bekommt man Coupons für Papierzeitungen am Kiosk, die zum Anmachen des Kamins dienen könnten. Ein gewisser Heizwert wird also mitgeliefert.

Carpe Diem

[1] http://www.wiwo.de/unternehmen/dienstleister/axel-springer-blatt-preise-fuer-klassische-bannerwerbung-sinken/8248102-2.html


3 Responses to Qualitätsjournalismus kostet Geld: Bildzeitung bekommt Paywall

  1. rakete sagt:

    Bezahlschranke für Bild.de? Nette Umschreibung für Idiotensteuer.

  2. roby sagt:

    wer für sowas auch noch bezahlt dem ist nicht mehr zu helfen.
    qualitätsjournalismus sieht meiner erachtens ganz anders aus.
    in diesem blatt ist weder qualität noch journalismus zu finden, aber gerade recht für gehirngewaschene zombies welche des lesens und vor allem des denkens nicht mächtig sind, darum heisst sie ja auch „bild“

  3. chris321 sagt:

    Ihr kennt diesen Kurzfilm „Google EPIC“ aus dem Jahr 2004 / 2005 mit Prognose fürs Jahr 2014 / 2015?
    http://media.aperto.de

    http://de.wikipedia.org/wiki/Google_EPIC

    Ich beschrieb bereits in Offtopic dass es aus meiner Sicht einen zunehmenden Willusionismus gibt der, bedingt durch den technischen Fortschritt, uns immer mehr Scheinwelten projeziert und uns damit immer stärker virtualisiert. Der Onliner wird sich immer mehr in dieser vom Menschen selbst geschaffenen Scheinwelt im Kreis drehen und dabei Probleme als „Sucher Mensch“ bekommen weil seine Creation nun selbstbestimmt sein wird mit allen Konsequenzen. Diese Konsequenzen werden wie ein Bumerang in einer Fremdbestimmung / Abhängigkeit sondergleichen auf ihn selbst zurückfallen.

    Ich erkenne ebenso eine immer grössere Liter-Rarität. Damit meine ich, dass sowohl die Literatur und der Literat in der Gesellschaft in gewisser Massen rar wird. Nicht dass man nicht in eine Buchhandlung kommen könnte in der es Stockwerke voll mit Büchern gäbe, die Texte und die Aussage dahinter wird immer kürzer so wie der Geist der Menschen. Du kannst einem Menschen jedes Jahr weniger „in Textform zumuten“ und der Empfänger wird inzwischen fast jede Textform als Zumutung empfinden.

    Jeder der demnächst in die Lage kommen sollte Offline zu gehen z.B. weil er die neue digitale Volkszählung und damit die eindeutige weltweite Registrierung und Totalüberwachung ablehnt und dann mit den Konsequenzen leben muss, jeder der dann einer Art neuen „res publica literata“ beitritt
    http://de.wikipedia.org/wiki/Res_publica_literaria

    wird feststellen, dass er nicht nur bzgl. der Art der Darstellung, sondern auch in der Art des Dialogs und Gesprächs immer inkompatibler zur „Online-Comunity“ werden wird. Eben, nicht nur technisch, was ich zuerst meinte. Die Online Gesellschaft wandelt sich sehr schnell, die Offline bleibt erst stehen, wird sich dann aber in eine total andere Richtung bewegen. Unterm Strich: noch weiter weg, noch inkompatibler. Wir werden am Ende eine Parallelkultur von Dichtern und Denkern auf der Offline Seite haben und eine Kultur der Virtualität auf der Online Seite. Beide können sich praktisch immer schlechter gegenseitig verstehen weil sie beide eine „total andere Sprache“ sprechen werden.

    Du kannst heute schon mit einem Onliner fast nur noch über Telefon oder mit „klucksenden verstümmelten mit englischen Fragmenten kombinierten Worthülsen“ kommunizieren. Er kann vielfach gar nicht mehr anders auch wenn er wollte. Seine Welt ist nun mal diese extrem verarmte und vergewaltigte Neusprache (1984 -> Neusprech -> Newspeak -> http://de.wikipedia.org/wiki/Neusprech). E-Mails die ja noch eine gewisse Form des Briefverkehrs darstellen, überfordern immer mehr dieser „modernen Menschen“. Auch ein entsprechendes Durchdenken und Planen einer Sache, wird immer schwieriger, weil man quasi „keine Zeit mehr zum lesen“, aber letztendlich auch nicht mehr zum Denken hat. „Keine Zeit“ zieht immer mehr „kein Denken“ und „Hauptsache gemacht“ (Aktionismus) nach sich.

    Ich weiss nicht wie das alles enden wird, aber wenn eine Gesellschaft ihre kulturelle geisteswissenschaftliche Basis verliert, dann verroht sie, dann entgleist sie auf kurz oder lang. Da diese Gesellschaft keine echten Werte mehr vertritt, ist ihr alles zuzutrauen. Jede Aufmerksamkeit heischende Projektion eines 3D Hollywood Streifens wird sie zu Unsinn animieren können. Mehrere von den Streifen und das in Kombination mit ihren „globalen Chatter Boxen“ zu grösserem Unsinn. Wir wissen zu was Menschen und Völker so alles fähig sind, wenn sie zu grossem Unsinn angestiftet werden.

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