Die Wellmann Kolumne: Wer zu lange schreien muss, der resigniert

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Wahrscheinlich gehöre ich noch eine der letzten Generationen an, in der es als normale Erziehungsmethode galt, den Säugling schreien zu lassen, um „seine Lungen zu stärken“, was aber in Wirklichkeit nur eine blöde Ausrede dafür war, dass man dem Kinde möglichst früh und unmissverständlich klar machte, wer die Macht über sein Leben besaß, wer es trösten oder quälen kann, wer ernähren, wer verhungern lassen. War das Kind irgendwann still, so sah man dies als Gewinn an. Als Gewinn auf dem Weg dahin, das Kind zum Gehorsam zu erziehen. Dabei hat es nur resigniert und den schlimmsten Verlust seines Lebens, schon jetzt hinter sich gebracht.

Der Standard-Spruch meiner Mutter war:“ Es hat mir ja auch leid getan, aber was sollte ich denn tun?!“ Allerdings kam es zu einem Gespräch erst als ich knapp 35 war. Heute, nochmal 12 Jahre später, meine Mutter ist lange tot, bin ich endlich nicht nur in der Lage es zu benennen, sondern ich hab hab es auch begriffen und bin dabei meine fast krankhafte Trennungsangst und die immer schlichten wollende Harmoniesucht, langsam abzulegen. Über mein halbes Leben lang, musste ich mir mühsam erarbeiten, was man mir doch schon in Kindesjahren hätte beibringen müssen.

Schaue ich heute ins Internet, sehe ich immer mehr Menschen, die letztes Jahr noch geschrien haben, nach Revolution und Veränderung und die sich nun reihenweise zurückziehen, in die Stille, teilweise sogar in die Einsamkeit und die resignieren. Ich habe ihnen nichts vorzuwerfen, wenn ich könnte, würde ich jeden Einzelnen drücken und Ihm/Ihr sagen: „Du bist nicht allein, denn der erwachsene Mensch, der du jetzt bist, der ist  nicht mehr der Gnade der Eltern ausgeliefert. Du kannst allein aufstehen und zu Menschen gehen die deine Gedanken teilen.

Vergiss aber dabei nicht, dass jeder von denen auch seine Vergangenheit, seine Ängste hat und genau so wie du will er von Menschen umgeben sein, die ihm kein Leid antun und mit denen er sich versteht. Und auch wenn ich mich wiederhole, es ist nicht notwendig, hier jedenfalls nicht, gleich den Präsidentenpalast zu stürmen, um ihn und seine Familie auf dem Marktplatz aufzuknüpfen.

Es sind die kleinen Dinge, wie möglichst keine Plastikkarten zu benutzen, regionale Lebensmittel vom Bauern holen, nicht das neueste Handy zu besitzen, oder das dickste Auto zu fahren und vor allem aufmerksam zu sein, nicht glauben, sondern sehen, nicht beherrschen wollen, sondern Gemeinschaften fördern, in denen jeder das tut was er kann und was ihn erfüllt. Und das fängt in der eigenen Familie an, wo ich meinen Kindern nicht sagen kann was sie am Besten zu tun haben, sondern ihnen zeigen muss, dass ihre Zufriedenheit und ihr Glück an erster Stelle steht.

Und keinesfalls das, was in irgendeiner Tradition steht, oder was ich gerne will.  Und solange du das tust, was dich erfüllt, was dich fordert, deine Neugier anregt und dir ein gutes Gefühl im Bauch hinterlässt, wirst du deinen Kindern nichts mehr beibringen müssen.

Ich wünsche euch ein kraftvolles Wochenende und vielleicht das Glück, mal wieder zu tun, worauf ihr Lust habt.

Wellmann

 


12 Responses to Die Wellmann Kolumne: Wer zu lange schreien muss, der resigniert

  1. derTroll sagt:

    Also wir lassen unser Kind nicht schreien und erklären ihm alles. Es ist zwar manchmal schwer ruhig zu bleiben, wenn etwas extrem „schief“ läuft und es klappt auch nicht immer, aber ich glaube er ist ein glückliches Kind.

    Und wir werden ihn auch nicht der Indoktrination einer öffentlichen Schule aussetzen 🙂

  2. Berg sagt:

    Danke für diese ehrlichen und wahrhaftig richtigen Worte..sie kann ich ohne Zweifel voll und ganz unterschreiben und weiss wie wichtig es ist seinen Kindern Selbstständigkeit, Selbstbewusstsein und soziale Kompetenz und Liebe vorzuleben und auch zu zeigen. Ich bin froh über die Erinnerungen meinen Schreisohn in der ersten Monaten seines Lebens unendliche Male auf dem Arm schaukelnd durchs Zimmer getragen zu haben. Er hatte ein Anrecht darauf und seine Entwicklung jetzt nach 14 Jahren gibt mir dazu recht. Liebe kann manchmal auch anstrengend sein..dafür ist sie aber auch um so Frucht voller. Wie immer das beständig ist was man unter Mühe oder Leid im Leben erreicht hat. Alles andere hat eine sehr viel kürzere Halbwertszeit.

  3. Unbekannter sagt:

    dem kann ich nur zustimmen, unser Sohn ist zeitweise „stündlich“ gekommen, danach „zweistündlich“. uns war immer klar, wenn er könnte, würde er aufstehen und sich was zu essen machen oder zu uns kommen und kuscheln. er konnte es uns nur mit schreien oder quengeln mitteilen. und dann sollte er nachts in einem für ihn riesigen zimmer lange allein sein, nachts. das alles war für uns nicht nachvollziehbar und haben uns doch glatt über die moralvorstellung unserer eltern hinweggesetzt und unser kind ganz einfach auf den arm genommen, wann auch immer er das wollte oder brauchte.

  4. […] Wellmann Kolumne bei den IKNews […]

  5. westfox sagt:

    ich darf behaupten, dass jeder (humoide engerling), sobald er auf die welt gewzungen wird, von der ersten sekunde an einen eigenen willen und ein eigenes benehmen hat. manche kinder sind halt ruhig andere wiederrum schreien wie die bekloppten. eine sog. erziehung oder ein elterliches verhalten aendern daran absolut nichts.

  6. Fredda sagt:

    Vielen Dank für diesen ehrlichen und guten Beitrag, das war wieder ein kleiner Funke, der die Welt wieder ein bisschen mehr erhellt. Wenn wir wissen, dass wir nicht alleine sind gibt uns das eine große Kraft.

  7. chris321 sagt:

    >> Schaue ich heute ins Internet, sehe ich immer mehr Menschen, die letztes Jahr noch geschrien haben, nach Revolution und Veränderung und die sich nun reihenweise zurückziehen, in die Stille, teilweise sogar in die Einsamkeit und die resignieren.

    http://www.n-tv.de/politik/Der-NSA-Abhoerskandal-betrifft-uns-alle-article10924096.html

    >> SCHWEIGEN

    Wer glaubt, dass die Mehrheit andere Ansichten hat, wird seine eigenen weniger wahrscheinlich öffentlich vertreten und sich äußern. Dies ist eine Erkenntnis aus der Kommunikationswissenschaft, genannt Schweigespirale. Eine Spirale ist der Vorgang deshalb, weil sich das Phänomen verstärkt, je mehr Leute schweigen. Die Tendenz geht dabei zur (öffentlichen) Einheitsmeinung.

    Totalitäre Regime zielen mit der Gleichschaltung der Medien auch auf den Effekt der Schweigespirale ab. Wer sich doch abweichend äußert, wird sanktioniert. Irgendwann weiß niemand mehr, was die Menschen wirklich denken. Für eine Demokratie ist das nicht akzeptabel. Das System konstituiert sich auch durch Meinungspluralität und die Garantie, dass sie vertreten werden kann.

  8. pimpf sagt:

    Moin, Moin,

    klasse Text.
    Hiermit möchte ich alle lesenden aufrufen, in jeder e-mail die berühmten Schlagworte unsichtbar mit zu versenden. Je größer deren Apparat um so verletzlicher werden sie. Und dass sehe ich als Chance. Wenn jeder von uns in jeder mail so ein Quatsch reinschreibt werden die nicht mehr fertig mit lesen.

  9. Irmonen sagt:

    wer mit faecbook, Spielkonsolen, I-Phones und Co aufgewachsen ist, oder regelmäßig nutzt, dürfte eine wesentlich geringere Hemmschwelle für „Alle wissen von allen Alles“ haben.

    WEr sich selbst in diversen Medien präsentiert und sein kleinklein Allttagsprivatleben zur Schau stellt, gerne in Massenveranstaltungen eintaucht, wie in einen Fischschwarm, den wird auch das Aufgeben von Privatsphäre nicht wirklich beunruhigen.

    Wäre mal interessant diesen Anteil an der Bevölkerung zu schätzen…..

  10. Melissa sagt:

    Ich hab euch da noch nen Tip. Ist ja nicht so dass ich das nicht lernen musste, als idealistischer Mensch ist das die Lebensaufgabe schlechthin sich nicht entmutigen zu lassen.

    Es gibt da einen ganz wichtigen Lernschritt:

    Verändere das was du ändern kannst, das was in deinem Einflussbereich liegt, und sei es noch so klein, privat und persönlich und genieße dein Leben.

    Verändere es aber auch wirklich!

    Der zweite wichtige Lernschritt:

    Es muss nicht perfekt sein weder in der Ernährung ,in der sportlichen Betätigung, im Natur – und Tierschutz , im politisch-gesellschaftlichen Einsatz, im liebevolleren Umgang mit seinen Mitmenschen.

    Änder irgendetwas Kleines wenn du nichts Großes ändern kannst und du bekommt Vertrauen und Mut dass auch große Dinge möglich sind persönlich wie gesellschaftlich, lokal wie global und sei geduldig. Manchmal sieht man die Ergebnisse eben nicht sofort und das ist kein „schlauer Spruch“ sondern meine Erfahrung.

    Solche Durchhänger wie du hast Jens gehen auch wieder vorbei oder sind ein Zeichen dich auf eine andere Aufgabe zu konzentrieren…

    Liebe Grüße

  11. Melissa sagt:

    https://secure.avaaz.org/de/stop_prism_global/?slideshow

    Ich find das sehr ermutigend. Sekündlich tragen sich Menschen auf der ganzen Welt in diese Petition ein….

  12. Melissa sagt:

    Kinder die alles sofort bekommen haben den Eindruck dass jederzeit alles für sie zu Verfügung stehen muss ohne dass sie etwas dafür tun müssen.

    So formt man dann kleine Egomonster. Beim obigen Beispiel ist es das andere Extrem.

    Man glaubt für alles mit hohem Krafteinsatz kämpfen zu müssen und sucht sich meistens auch Themen oder Zeitpunkte aus wo nun wirklich gar nicht geht…

    Kinder brauchen klare Regeln und müssen auch mal warten können, das bildet den sozialen Rahmen in dem sie dann frei und verantwortungsvoll handeln können.

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