Framing – Schönreden im Präsentationsrahmen

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Wenn die massenmedialen Nachrichtensender sich in ihrer Eigenwerbung selbst darstellen, behaupten sie von sich objektiv zu sein, dass ihre Berichterstattung auf stichhaltigen Informationen beruhe, ausgewogen berichtet würde oder dass sie die Komplexität des Weltgeschehens auf den Punkt brächten. Die angebliche Anwendung der klassischen Tugenden des Journalismus wird in den Kurz-Spots häufig mit emotionalisierend-reißerischer Musik und entsprechendem Bildmaterial untermalt. Die Sachlichkeit vorgaukelnde Medienrealität ist meist nur eine wahrgenommene Scheinrealität, die an den Tatsachen vorbeigeht – weil sie nicht zuletzt bewusst und geschickt vorbeigeleitet wird. Die redliche Absicht, journalistisch saubere Recherche zu betreiben, weicht schon seit Beginn des modernen Medientums der Kunst des Schönredens, und diese Diskrepanz setzt sich immer weiter fort.


 

In der Politik wurden die Massenmedien, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts mit Film und Radio eine neue Dimension erreicht hatten, bereits im ersten Weltkrieg zu Propagandazwecken eingesetzt. Heutzutage nehmen sie eine zentrale Stellung in der Öffentlichkeit ein, wenn es darum geht, sich Informationen über das Geschehen in der Politik zu verschaffen. Bereits in den 1920er und 30er Jahren wurde den Medien eine gewisse Allmacht zugesprochen. Doch in den folgenden Jahrzehnten zeigten immer mehr Studien, dass diese Annahme übertrieben war. Eine Erkenntnis der zwei Protagonisten der modernen Medienwirkungsforschung – Maxwell McCombs und Donald Shaw, die 1968 mit ihrer US-Wahlkampfuntersuchung die so genannte Chapel-Hill-Studie erstellt hatten – besagt, dass die hauptsächliche Wirkung der Nachrichten in den Massenmedien nicht darin besteht, zu sagen, was die Menschen in der Öffentlichkeit denken sollen, sondern worüber sie nachdenken sollen. Auf Grundlage dieser Erkenntnis wird versucht, politische Öffentlichkeitsarbeit so zu gestalten, um das Verhalten tendenziell zu steuern.

In der politischen Kommunikation oder auch im nachrichtenbezogenen Gewerbe kommt dem Einsatz der Sprache naturgemäß eine zentrale Rolle zu. Auf beiden Gebieten werden die Inhalte mit der Wortwahl versehen, mit der die Leser in eine bestimmte Denkrichtung geleitet werden oder entsprechende Emotionen ausgelöst werden sollen. Das Verhalten bzw. die Wahrnehmung durch die unterschiedliche Formulierung – bei gleich bleibendem Inhalt – zu beeinflussen, wird in der Psychologie als Framing-Effekt (Einrahmungs-Effekt) bezeichnet. Ein Glas, das zur Hälfte mit Wasser gefüllt ist, wird dann als halb leer oder halb voll beschrieben; je nachdem, ob es beabsichtigt ist, den Sachverhalt negativ oder positiv darzustellen.

Der Abbau des Kündigungsschutzes wird als „Flexibilisierung“ bezeichnet, oder der Niedriglohn wird zum „Einstiegslohn“, was bewirken soll, dass der Niedriglohn als etwas Vorübergehendes aufgefasst wird. Aus Haushaltskürzungen, die dem griechischen Volk von der Troika unter hohem Druck auferlegt wurden, wird dann ein Sparpaket. Sparen hört sich doch viel positiver an als Kürzen. Dieses Beispiel zeigt zugleich, wie oberflächlich gemeinhin mit Sprache umgegangen wird, was den Framing-Effekt meist umso wirkungsvoller macht. Das durch die Kürzungen angesammelte Geld wird nicht auf ein Konto eingezahlt, um es später für einen bestimmten Zweck zu investieren, sondern anderweitig auszugeben. An Rentenausgaben, am Bildungssystem etc. wird zwar gekürzt, aber das Gros der „eingesparten“ Beträge wird für die Rückzahlung der Staatsschulden genutzt. Das hat mehr mit einem durchlaufendem Posten zu tun als mit dem Tugendhaftigkeit implizierenden Begriff Sparen. Die Kommunikationsexperten in Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft bedienen sich zuhauf euphemistischer Formulierungen. Das Framing bringt eine plakative Darstellung eines Themas mit sich, die durch die ständige – und nicht zuletzt bewusste – Wiederholung in den Massenmedien haften bleibt.

Neoliberale Think-Tanks wie etwa die Bertelsmann-Stiftung sind mit den Massenmedien eng verflochten und platzieren ihre Botschaften gezielt in den Medien. Die Denkfabrik, die weitgehende Verbindungen zum gleichnamigen internationalen Medienriesen aufweist, wurde eingeschaltet, um eine bejahende Stimmung für das geplante Freihandelsabkommen zwischen der USA und der EU in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Das Framing baut auf den Stichworten Wachstum und Beschäftigung auf, die mit dem Abkommen geschaffen werden sollen. Mitunter sollen Handelshemmnisse durch Regulierung beseitigt werden. Mit dem Abkommen sind eine Vielzahl von Kritikpunkten verbunden, die von den Gegnern in scharfer Form vorgebracht werden. Beispielsweise sollen durch die „Harmonisierung“ der Standards die bürokratischen Hemmnisse beseitigen sollen, um die Wirtschaft anzukurbeln. EU-Handelskommissar Karel de Gucht hat dafür den Ausdruck „Regulierungszusammenarbeit“ (regulatory cooperation) gebraucht. Welch ein Zufall… Dieses Schlagwort wurde zwei Wochen nach der Bekanntgabe des TTIP-Vorhabens seitens Obama in seiner Rede zur Lage der Nation Mitte Februar in einer Publikation der Bertelsmann-Stiftung ebenfalls genutzt. Weitere Ausdrücke wie „Abbau der Bürokratie“ oder „Schutz von Investitionen“, die von den transatlantischen Verhandlungsparteien gebraucht werden, schaffen ein positives Bild und bedecken dadurch die Gefahr einer demokratisch höchst fragwürdigen Entwicklung bezüglich der Privilegien, die die Konzerne genießen würden – und der Handlungsspielraum der Regierungen gleichzeitig eingeschränkt wird. Damit könnten die USA abgelehnte Produkte wie genveränderte Lebensmittel leichter in die EU exportieren können, was von den Europäern – dem Volk als Souverän in der Demokratie… – generell abgelehnt wird.

oguz_ikn_h2Das theoretische Modell, dass die Nachrichtenkonsumenten die Informationen subjektiv verzerrt wahrnehmen, ist nur eine Seite des Prozesses, in der Wechselwirkungen zwischen den Gestaltern von Medieninhalten und ihren Empfängern zustande kommen. Dass die Informationen bereits bei den Nachrichtenagenturen, beim Agenda-Setting, durch den Einfluss von Lobbyisten oder PR-Experten schon im Entstehungsprozess Verzerrungen ausgesetzt sind, wurde in der wissenschaftlichen Forschung zu dem Thema sehr stark vernachlässigt und bestenfalls rudimentär berücksichtigt. Sogar der idealistische Journalist, der sich um Sachlichkeit bemüht sowie aus innerster Überzeugung objektiv und ausgewogen berichten möchte, ist seiner beschränkten kognitiven Verarbeitungskapazität unterlegen, die zu irrationalen Urteilen bzw. entsprechenden Fehlinterpretationen führen kann.

Medien sind nicht nur bloße Übermittler von Informationen, sondern ebenso ihre Macher. Sie entscheiden, in welcher Art und Weise die Berichte dargestellt bzw. geframet, werden. Der politisch-interessierte Bürger, der sich mit den Nachrichten in den Massenmedien kritisch auseinandersetzt, muss quasi aus dem – ihm vorgesetzten – „Rahmen fallen“, um das Gesamtbild betrachten zu können.


3 Responses to Framing – Schönreden im Präsentationsrahmen

  1. Frank H. sagt:

    Guter Artikel. er beweisst, dass das mittelständische Unternehmertum zu spät aufgewacht ist. Nun ist natürlich Wehklagen angesagt. Als die LINKE die Lawine kommen sah, wurde sie verhöhnt und verlacht. Warum soll also die atheistische LINKE oder die christliche Gemeinschaft die diesen Wahnsinn ebenfalls kommen sah, nun mit den Unternehmern die ihre Lobbykrakenverbände nicht im Griff haben mitleiden? Wo wir doch auch weiterhin von der unternehmerischen Mittelschicht zerdrückt werden. Das die Konzerne den Staat manipulieren und die Finanzindustrie alle Seiten bedient gegen Machtabtretung, das haben Gewerkschaften allen Entscheidern vorgeworfen. Und der Spuk fing unter Kohl an – Schröder führte doch nur noch unter dem Druck der USA fort, was bereits unumkehrbar war. Ansonsten keine Kanzlerschaft. Als Schmidt damals nicht mehr mitspielte, hat man Kohl mit Hilfe der FDP Ratten an die Macht geputscht.
    Demokratie der Proletariats? Hat es nie gegeben. Die Bourgoisie frisst sich selbst auf. Der Produktivfaktor Arbeit = Mensch ist nicht vor Gott verhandelbar. Die Sklaverei wurde noch nie seitens der bürgerlichen Aufklärung abgeschafft.
    Nun tragt eure Strafe durch Überheblichkeit also.
    Lohnverzicht ist noch das kleinere Übel. WIR HABEN SCHLICHTWEG KEINE ARBEITSPLÄTZE FÜR ALLE WILLIGEN, WEIL DIE KONSUMGESELLSCHAFT NUR DURCH PREISDRÜCKUNG FUNKTIONIERT. WIR LASSEN OHNE VERSTAND EINWANDERN BIS ZUM SOZIALKANNIBALISMUS.
    WIR PRODUZIEREN MENSCHLICHE KONSUMENTENBLASEN, SPRICH FÖRDERUNG VON VERSCHULDUNG OHNE REUE BEI PRIVAT UND STAAT.
    Nur weiter so, bis es wieder kracht. Und es wird krachen. Versprochen. Der point of no return ist im Proletariat überschritten.

  2. Herbert Ludwig sagt:

    Die Medien sind in den Händen derjenigen, die auch an den Fäden der politischen Marionetten ziehen. So wird einerseits über die Medien die Politik unterstützt, andererseits werden unfolgsame Politiker über die Medien diszipliniert.

    “Eine freie Presse gibt es nicht. Sie, liebe Freunde wissen das, und ich weiß es gleichfalls. Es gibt keinen unter Ihnen, der es wagt, seine ehrliche Meinung zu schreiben, und wenn Sie sie schrieben, wüssten Sie im Voraus, dass sie niemals gedruckt würde. Ich werde wöchentlich dafür bezahlt, meine ehrliche Überzeugung aus der Zeitung, der ich verbunden bin, herauszuhalten. Anderen von Ihnen werden ähnliche Gehälter für ähnliches gezahlt, und jeder von Ihnen, der so dumm wäre, seine ehrliche Meinung zu schreiben, stünde auf der Straße und müsste sich nach einer anderen Arbeit umsehen. Würde ich mir erlauben, meine ehrliche Meinung in einer Ausgabe meiner Zeitung erscheinen zu lassen, würden keine vierundzwanzig Stunden vergehen und ich wäre meine Stelle los. Das Gewerbe eines Publizisten ist es vielmehr, die Wahrheit zu zerstören, geradezu zu lügen, zu verdrehen, zu verleumden, die Füße des Mammon zu küssen und sich selbst und die Gesellschaft um des täglichen Brotes willen wieder und wieder zu verkaufen. Sie wissen es, ich weiß es, und wozu der törichte Trinkspruch auf die unabhängige Presse? Wir sind die Werkzeuge und Vasallen reicher Finanzgewalten hinter der Szene. Wir sind die Marionetten, sie ziehen die Schnüre und wir tanzen. Unsere Talente, unsere Fähigkeiten und selbst unser Leben gehören diesen Männern. Wir sind intellektuelle Prostituierte.” (John Swinton, (1830-1901), Herausgeber und Chefredakteur der New York Times vor Redakteuren im Jahr 1889) Quelle:
    fassadenkratzer.wordpress.com…

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