And the Winner is… – Schrecklich gute Preise für besondere Konzerne

publiceyes

Gegen Ende Januar fand in Davos wieder einmal das alljährliche World Economic Forum (WEF) statt. Wie gewohnt bediente man sich der gleichen Plattitüden, um die behaupteten Vorzüge und Erfolge des Neoliberalismus für die Menschheit zu loben. Es wurde aber auch über Verantwortung geredet. Bei Podiumsdiskussionen, etwa mit dem Titel „ The Big Brother Problem“, wurde unter dem Deckmantel der Sachlichkeit eher zurückhaltend und diplomatisch Kritik geübt. Zur selben Zeit, wenn das WEF stattfindet, wird in Davos auch ein Gegen-Event namens Public Eye veranstaltet. Sie verleihen ihren eigenen Negativ-Preis: den Public Eye Award.

Quelle: http://www.weforum.org

Quelle: http://www.weforum.org

Fast schon glamourös ging es dieses Jahr wieder in Davos zu, als sich 2500 Spitzenleute aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zum WEF trafen. Es fanden Dutzende Vorträge und Podiumsdiskussionen zu geopolitischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Themen statt. Spitzenpolitiker gaben ihre Einschätzungen zu der weltwirtschaftlichen Lage ab und gemeinhin wurde der Neoliberalismus befürwortet. David Cameron warb eindringlich für das Freihandelsabkommen TTIP, der australische Premierminister John Key präsentierte schon fast pathetisch die Mantras die Vorteile freier Märkte und Deregulierungen betreffend. Finanzminister Schäuble behauptete, dass es den Mitgliedsstaaten in den europäischen sehr viel besser ginge, weil man ihnen die harten Regeln aufgezwungen habe, und der japanische Notenbankchef Kuroda sprach von hochbleibendem, sich sogar beschleunigendem Wachstum in den Emerging-Markets. Ihre Aussagen spiegelten den Tenor bezüglich der stabilen Lage und des optimistischen Wirtschaftsausblicks wider.

oguz_ikn_h2Es gab auch kritische Stimmen, die sich in den zahlreichen Diskussionsrunden bemerkbar machten. Der Ökonom und Nobelpreisträger Robert Shiller sprach über die Gefahren der weltweiten Einkommensungleichheit und Armut; die Direktorin des IWF Christine Lagarde sagte, dass sich die Führungspersönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik daran erinnern sollten, dass in viel zu vielen Ländern nur viel zu Wenige vom Wirtschaftswachstum profitierten. Der bloße Anstieg der Wachstumszahlen sei kein Rezept für Stabilität und Nachhaltigkeit.

Heftigere Kritik im Luxus-Skiort Davos aber kam von Public Eye, einem Projekt von NGOs aus aller Welt. Bei dem Public Eye Award werden Konzerne mit einem Negativ-Preis „ausgezeichnet“, deren Arbeit als besonders verantwortungslos gegenüber den Menschen und der Umwelt betrachtet wird. Seit 2005 werden jedes Jahr ein Publikumspreis und ein von einer Fachjury gewählter Preis vergeben. Beim Publikumspreis wurden dieses Jahr über 95.000 Stimmen für das russische Erdgasunternehmen Gazprom abgegeben. Der Hauptgrund für die Verleihung lag in den zahlreichen Verstößen gegen Sicherheits- und Umweltvorschriften, die bei der Ölförderung in der Arktis begangen werden. Aufgrund laxer Sicherheitsmaßnahmen kamen 2011 beim Abschleppen einer Förderplattform 53 Menschen ums Leben, wofür der Konzern nie zur Rechenschaft gezogen wurde. Greenpeace konnte über 200 Ölleks auf Gazproms Ölfeldern nachweisen. Ein Auslaufen des Öls in der Arktis hätte katastrophale Folgen für die sensible Natur in der Region.

Der Preis der Fachjury ging dieses Jahr an den US-Textilgiganten GAP. Das Unternehmen lässt in Bangladesch produzieren und missachtet die Sicherheitsstandards. In der milliardenschweren Bekleidungsindustrie des Landes kommt es häufig zu Bränden und es stürzen Gebäude ein, weil notwendige Vorkehrungen nicht eingehalten werden. Über 100 global tätige Unternehmen aus der Bekleidungsindustrie haben ihre Verantwortung für die Sicherheit der Arbeiter wahrgenommen und das rechtlich verbindliche Abkommen „Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh“ unterzeichnet. Der Fachjury-Preis wurde GAP verliehen, weil das Unternehmen das Abkommen nicht signiert hat. GAP steht exemplarisch für die Praktiken von großen Konzernen, ihre Profite auf Kosten unzumutbarer und sogar Menschenleben gefährdender Arbeitsbedingungen zu steigern.

Zu den Gewinnern bzw. nominierten Unternehmen der Public Eye Awards gehörten seit 2005 illustre und preiswürdige Organisationen bzw. Konzerne wie die FIFA, Goldman Sachs, Tepco, Philip Morris, Barclays, Royal Dutch Shell, Samsung, Foxconn oder der IOC.

Davos ist wie eine Art Mikrokosmos, der die Lage der Welt und ihre Funktionsweise reflektiert. Die Mächtigen und (Einfluss-)Reichen des Planeten bleiben unter sich und haben das Sprachrohr der anwesenden Massenmedien, um sich in einem günstigen Licht zu präsentieren. Kritik wird zwar geübt, aber sie wird einem euphemistisch dargestellten Gesamtkontext  untergeordnet. Einwände, die von engagierten Bürgern und Organisationen stammen, gelangen kaum in die breite Öffentlichkeit, was einer weitreichenden, kritischen und effektiven Auseinandersetzung mit dem Thema im Wege steht – womit auch die Möglichkeit,  die verantwortungslos handelnden Konzerne weitläufig anzuprangern oder gar zur Rechenschaft zu ziehen, unterminiert wird.

Das Motto dieses Jahr beim WEF lautete: „Die Umgestaltung der Welt: Konsequenzen für Gesellschaft, Politik und Business“. Es ist wohl illusorisch anzunehmen, dass sich die Welt im Strudel des rasanten technologischen Wandels und all ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft nicht verändert und verändern wird. Stellt sich nur die Frage, wie und zu wessen Nutzen? Dass die Globalisierung und der Neoliberalismus auch ihre Schattenseiten mit sich bringen, scheint in wirtschaftlich besser empfundenen Zeiten immer mehr aus dem Blickfeld der Konsumgesellschaft zu geraten. Der Public Eye Award zeigt uns dabei die Ironie der Schönrednerei auf, die uns in der fingierten Medienrealität verpackt, einlullen soll.

Public Eye besitzt im Vergleich zum WEF eine nur sehr leise, relativ gesehen, nur von Wenigen gehörte Stimme. Auch diese verdient es, mindestens in gleichem Maße wahrgenommen zu werden.


7 Responses to And the Winner is… – Schrecklich gute Preise für besondere Konzerne

  1. Herbert Ludwig sagt:

    Wenn auf dem WEF R. Shiller und Ch. Lagarde über die Gefahren der weltweiten Einkommensungleichheit und Armut sprechen, ist das ja nur ein kleines moralisches Feigenblatt für das, was sich dadurch als ausbeuterisches neoliberales Wirtschaftssystem nicht im geringsten ändert.
    Zumal diese Wirtschaftstheorie im Dienste der Reichen und Mächtigen die Lehre an den Hochschulen der westlichen Welt beherrscht und sich so immer wieder erneuernd und verschlimmernd in das Leben ergießt. Vgl.:
    http://fassadenkratzer.wordpress.com/2014/01/31/503/

  2. Frank H. sagt:

    Wer sponsort denn das Projekt Public Eyes bitte?
    Das Wort NGO hat bei mir ein starkes Geschmäckle.

    Welche privaten Geldgebre kaufen sich hier frei?

    Beispiel Greenpeace: es ist bekannt, dass der Laden oft sehr einseitig ist. Rockefeller zahlt gut!

  3. O. Calli sagt:

    Greenpeace ist als eine Trägerorganisation von Public Eyes – meines Erachtens zurecht – umstritten. NGOs haben nicht selten ein Geschmäckle. Es ist leider kaum möglich, dass große Organisationen wie GP (oder WWF etc.), die dermaßen in der Öffentlichkeit präsent sind, sich vor dem Einfluss großer Konzerne abschotten können.

    Bei jeglicher Beanstandung, die daran gebunden ist, sollte auch berücksichtigt werden, dass für den Award über 280.000 Stimmen abgegeben wurden. Dass ihre „Stimmen“ – trotz aller Kritikpunkte bzgl. NGOs – gehört werden können, ist zumindest ein Fortschritt. Wenn NGOs in den Würgegriff interessensgeleiteter Konzerne (wenn auch subtil) geraten, können und müssen die Mitglieder von innen heraus, die Strukturen beeinflussen.

  4. Tranfunzel sagt:

    Klar. Vor allem, wenn die honorigen Gäste diese Rechnungen nicht selber bezahlen müssen, sondern als Spesen verrechnen.
    Aber an „so einem Kleinkram“ ärgerst du dich?? Diese Übermenschen können noch viel mehr mit dem Geld anderer herum schmeißen.
    Schau mal das. http://www.youtube.com/watch?v=iSSMZgo1640

    Es geht um die Barclys Bank. Das Video war eigentlich gedacht als recruitment (Nachwuchskräfte besorgen) video gedacht. Aber !! Jetzt wird bekannt, das sie 12.000 Stellen streichen wollen und sich gleichzeitig sich die Chefetage noch eine Schluck aus der „Bonus“ Pulle genehmigen.

  5. Tranfunzel sagt:

    Nachtrag.. der Slogan „quietly conquering the world of finance“ am Ende des Videos sollte einem doch die Nackenhaare hoch stehen lassen. Vor allen Dingen das „quietly“. Heimlich still und leise an die Spitze.
    Hochmut kommt vor dem Fall, meine Damen und Herren.

  6. EuroTanic sagt:

    Die Mafia kührt die grössten Mafioso. Was will man da erwarten?

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