Sezessions-Referendum: Die Büchse der Pandora in schottischer Hand

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Das schottische Unabhängigkeits-Referendum, das an diesem Donnerstag stattfindet, droht das Ansehen Londons nachhaltig zu schädigen. Wenn sich die „Yes“-Fraktion durchsetzt und die Unabhängigkeit Schottlands vom Vereinigten Königreich einleitet, dürften andere europäische Länder und Regionen folgen wollen, was ausgerechnet der EU in die Hände spielen würde.

Gallien liegt offenbar nahe Edinburgh und nicht etwa in Frankreich und Belgien. Zumindest legt dies das nun nahende Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands vom Vereinigten Königreich nahe. Die Scottish National Party hatte bei den Parlamentswahlen im Jahr 2011 mit dem Versprechen, im Falle eines Wahlsiegs eine Abstimmung über den Status Schottlands abzuhalten, die absolute Mehrheit erreicht, was zuvor keiner anderen Partei in der jüngeren schottischen Geschichte gelang.

War im Zuge der Krim-Abspaltung von der Ukraine von unseren Experten im Fernsehen und in den Zeitungen stets darauf verwiesen worden, dass sich ein Landesteil nicht abtrennen könne, solange nicht auch das übrige Land dieser Abspaltung in einem Referendum zustimmt, wird genau dies in Schottland gemacht: Nicht die Engländer oder Waliser entscheiden über die Zukunft der Schotten, sondern nur sie selbst. Nun ist die Situation in Schottland tatsächlich nicht mit der in der Ost-Ukraine vergleichbar und dennoch zeigt uns das schottische Referendum, was alles möglich sein kann, obwohl es nach Expertenansicht gar nicht möglich sein soll.

Während auch in Deutschland der Chor derer immer größer wird, die die Abstimmung in Schottland als Beleg für einen europaweiten Trend hin zu mehr Regionalität und De-Zentralisierung sehen, ist eigentlich das Gegenteil der Fall: Durch eine Abspaltung würde Schottland zwar unabhängig von London, aber viel abhängiger von Brüssel.

Immerhin ist die derzeitige Regierung der Schotten vergleichsweise proeuropäisch eingestellt und strebt im Falle der eigenen Unabhängigkeit eine Mitgliedschaft in der EU an. Und auch sonst erscheint es für die Schotten angesichts ihrer geringen geographischen Größe und Einwohnerzahl nicht unbedingt erstrebenswert, es ganz alleine zu versuchen. Wobei Einnahmen aus dem Öl-Geschäft natürlich gerade in den ersten Jahren dabei helfen könnten, das Land zu stabilisieren und auf ein gesundes finanzielles Fundament zu stellen. Allein: Es bleibt mehr als fraglich, ob das unabhängige Schottland tatsächlich der EU beitreten kann. Schließlich müssten alle EU-Mitglieder und damit auch Großbritannien einem neuen Mitglied zustimmen. Und selbst wenn London einem EU-Beitritt Schottlands zustimmt, dauert dieser auch auf dem „fast track“, also im Schnellverfahren, mindestens anderthalb Jahre. Es gibt also viele Unwägbarkeiten, die auf Schottland im Falle der Unabhängigkeit warten. Die Gewissheit vieler Menschen, dass ein von London souveränes Schottland auch eine Ohrfeige für die EU wäre, ist jedoch mit trügerisch noch freundlich umschrieben.

Brüssel seinerseits dürfte sich über Zuwachs in der „europäischen Familie“, als die die EU immer verklärt wird, durchaus freuen, insbesondere bei so einem kleinen Land wie Schottland. Dieses könnte wenig gegen Überregulierung oder außenpolitischen Geisterfahrten der EU wie in der Ukraine tun, sondern müsste die Vorgaben dieser machtbewussten Eliten weitgehend kritiklos schlucken. Während ein starker und relativ großer Nationalstaat immerhin noch die Möglichkeit hat, die Brüsseler Technokraten in ihrem Machtstreben Paroli zu bieten, ist diese bei kleinen Mitgliedsländern eher nicht gegeben.

Eine schottische Unabhängigkeit könnte also paradoxerweise der Sache der EU dienlich sein, die sich ihrerseits anschickt, die europäischen Nationalstaaten aufzulösen und ein „Europa der Regionen“ zu begründen. Insofern kann das Referendum, entgegen aller Freude über die Souveränität der Nordlichter, auch als Öffnung der Büchse der Pandora angesehen werden: Andere Regionen werden sich im Falle eines positiven Ausgangs für die „Yes“-Fraktion ein Vorbild an Schottland nehmen, was zwar zunächst zu begrüßen ist. Beim zweiten Nachdenken drohen die Sezessionsbestrebungen innerhalb Europas jedoch ausgerechnet jenen in die Hände zu spielen, die nicht im Verdacht stehen, mit Volks-Souveränität und Demokratie viel am Hut zu haben.


11 Responses to Sezessions-Referendum: Die Büchse der Pandora in schottischer Hand

  1. EuroTanic sagt:

    wahlen werden nicht bei der wahl gewonnen, sondern bei der auszählung.
    ich war 2009 in irland wegen dem lissabon referendum. dort wurde alles gemacht um die abstimmung zu „beeinflussen“, zu gunsten des gewünschten ergebnisses. direkte und indirekte wähler „nötigung“. sogar gewerkschaften riefen ihre mitglieder auf pro lissabonner vertragswerk (lv) zu stimmen. sonst wäre ihr arbeitsplatz bedroht. alles wurde zugepflastert mit pro eu plakaten, fernsehen, zeitungen etc. alles voll. pro eu’ler wurden eingeflogen, sogar eine fdp truppe habe ich gesehen. die wähler waren schon vor der wahl sowas von medial zugedröhnt und unter druck gesetzt. am wahltag wurden die wahlboxen von schwarzen, nicht offiziellen transportern eingeladen, die wahlbeobachter hatten keinen zugriff mehr. ich kann das persönlich bestätigen, weil ich eine wahlbeobachterin von der socialist partei kennen gelernt habe, die wahlbeobachterin war und mir das berichtete.
    die lassen sich nicht in die suppe spucken von so ein paar freiheitlich denkenden menschen in schottland.

  2. Herbert Ludwig sagt:

    Es spricht vieles für das, was im Artikel beschrieben wird.

    Aber man muss sich folgendes vor Augen führen:
    In all diesen Unabhängigkeitsbestrebungen drückt sich die Sehnsucht der Menschen aus, in den Fragen ihres kulturellen und wirtschaftlichen Lebens sich selbst bestimmen zu können, was in einem Einheitsstaat, der alles zentral reglementiert, unterdrückt wird. In einem kleineren regionalen Einheitsstaat würde sich das aber nicht wesentlich ändern. Er wäre nur etwas überschaubarer und die Menschen wären vielleicht etwas näher an den Entscheidungsprozessen dran. Eine Ausschaltung des individuellen Selbstbestimmungsrechtes wäre es aber nach wie vor. (“Wählen bedeutet die Illusion des Einflusses im Austausch gegen den Verlust der Freiheit.”)In einem (kleinen) deutschen Bundesland, das die Kulturhoheit hat, kann z. B. von Selbstbestimmung der Lehrer und Unabhängigkeit der Schulen von Staat und Wirtschaft keine Rede sein. Es sind obrigkeitsstaatliche Verhältnisse hinter einer scheindemokratischen Fassade.

    Um die Selbstbestimmung des mündigen Menschen geht es aber letztlich in der Demokratie. Das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ ist eine Chimäre. Es gibt nur das Selbstbestimmungrecht des einzelnen Menschen. Ein Volk hat kein „Selbst“, das sich bestimmen könnte. Es besteht aus Menschen, die in einer gemeinsamen Kultur miteinander verbunden sind. Und wenn einzelne Menschen „für das Volk“ bestimmen, entscheiden sie über die Anderen und schließen deren Selbstbestimmungsrecht aus. Wenn die einzelnen Menschen frei sind, ist es auch das Volk.

    Die Lösung bestünde darin, dass der alles reglementierende Einheitsstaat in seine drei Lebensgebiete: Kultur, Wirtschaft und Staat im engeren Sinne, aufgegliedert wird und das geistig-kulturelle Leben mit dem Bildungswesen sowie das Wirtschaftsleben eine je relative Unabhängigkeit mit eigener Verwaltung erhalten. Dann könnten sich in einem solchen freien Geistesleben unterschiedliche kulturelle Eigenheiten nebeneinander frei ausleben, und der wirtschaftliche Kreislauf könnte sich unabhängig von staatlicher Machtpolitik frei entfalten.
    Vgl.:
    http://fassadenkratzer.wordpress.com/2013/05/17/fassade-demokratie/
    http://fassadenkratzer.wordpress.com/2013/06/01/die-steigerung-der-demokratischen-diktatur-in-der-eu/

  3. Jean Paul sagt:

    „Die neuen Sezessionskriege mitten in Europa“ habe ich u. a. in den beiden nachfolgend noch einmal Artikeln beschrieben. Wir befinden uns bereits mitten drin. Es gibt kein zurück und auch kein weiter so.

    „Agenda 2020: Umbau der EU in 5 Wirtschaftszonen?“
    http://www.iknews.de/2014/01/26/agenda-2020-umbau-der-eu-in-5-wirtschaftszonen/

    Die Triebfeder des Umbaus des europäischen Kontinents
    „US Doktrin: Der verlogene Friedensplan für Europa“
    http://www.iknews.de/2014/02/17/us-doktrin-der-verlogene-friedensplan-fuer-europa/

    Europa ist militärisch, finanziell und wirtschaftlich durch die USA bzw. den US Dollar stehend K.O..
    Europas christlich katholische und orthodoxe Südschiene inklusive dem wirtschaftlich ernüchternden Balkan (EU Osterweiterung) wird sich bald abspalten. Sichtbare Signale sind die Durchwinkung der Flüchtlinge aus Kleinasien und Afrika GEGEN die Abmachung der Zentralregierung aus Brüssel, hinter der die „reichen“ Nordstaaten wie die BRD steht. Um den Süden „bei Laune“ zu halten, werden derzeit tagtäglich abertausende von Flüchtlingen in Notunterkünften in Nordeuropa, respektive BRD versorgt. Die Massenmedien versuchen das zu vertuschen, die ansässige Bevölkerung hat aber die Schnauze voll! Der Wahlsieg der AFD ist das SICHTBARE Zeichen der hochexplosiven Spannung in der EU Familie.

    Alleine Hessen sind zu 50 % die Kommunen restlos pleite. Hessen das noch andere Bundesländer mit finanziert. Die Infrastruktur der BRD ist defacto fertig, verschlissen, ausgelutscht.

    Ich kann den Artikel von SEB daher leider nur als Fehlinterpretation der Lage in Europa abtun.

  4. Frank H. sagt:

    Wer mehr wissen will könnte auch hier fündig werden:

    European Free Alliance. Zerschlagung der EU durch Sezession.

    Wer sind sie und was wollen sie hat das Magazin FOCUS beleuchtet
    http://www.focus.de/politik/videos/european-free-alliance-diese-organisation-unterstuetzt-gebiete-bei-der-abspaltung_id_4140011.html

    Das Projekt EU(dSSR) wäre damit Geschichte. -.o

    Was SEB und Andere unter der Aufhebung dre Nationalstaaten sehen, ist der Umbau des europäischen Kontinents in Bundesstaaten nach US Vorbild. Der Begriff Regionalisierung der Völkerstämme ersetzt den Begriff Nationale Souveränität der Völkergemeinschaft.

    Was die Schotten dagegen vorhaben, ist das Gegenstück. Im Windschatten des Zerfalls bzw. Chaos und des Streits um die Gelder und Resourcen Europas machen sich einzelne „Zwangsehen“ wieder selbständig.
    Ein mehrseitiger Artikel wird ebenfalls im FOCUS zum Thema „Was passiert nach Schottland?“ abgedruckt.
    http://www.focus.de/politik/ausland/referendum-in-schottland-bringt-separatisten-rueckenwind-ist-schottland-nur-der-anfang-und-europa-zerfaellt-in-abtruennige-kleinstaaten_id_4139041.html

    Wir können sicher sein, dass je weniger Geld nach Unten durchfliesst, je mehr nach Oben abfliesst, sich die Bürger an die Wäsche gehen und die Zentrifugalkräfte sich weiter beschleunigen. Ein Zentralstaat wie die USA oder die EU haben hier keine Chance auf Dauer den Laden zusammen zu halten. Das römische Imperium hat bis zum Schluss mit Gewalt und Terror das Volk klein gehalten. Und doch ist es an der Gier der Reichen zerfallen. Überfremdung durch gewollte Zuwanderung (!!!) um den Militärapparat und die billige Arbeitskräftefront zu stabilisieren war nur noch das Sahnehäubchen dabei.

    Wir haben hier wunderbare Belege aus der Vergangenheit, die auch jetzt wieder greifen.

  5. maggot881 sagt:

    Mir fallen dazu jetzt 2 Dinge ein. 1. Manipulation der Wahl denn die Börse hat wohl gestern schon eingepreist das Schottland weiterhin britisch bleibt oder 2. die meisten Schotten haben keine Eier in der Hose und Angst vor dem Ungewissen. Ich tippe auf ersteres denn es darf nicht sein was nicht sein kann und für die EU wäre das auch meiner Meinung nach fatal gewesen und hätte wohl echt einen riesen Stein ins rollen gebracht.

  6. Frank H. sagt:

    Die Panikmache der Wirtschaftslobbys in Brüssel, Berlin, New York und London behielt im Sinne der Unionisten und EUdSSR Ausbeuter die Oberhand. Der alte Nationalstaatsbegriff Britanniens ist somit Geschichte? Vorsicht. Denn Nichts wird mehr so sein wie bisher! Ein guter lesenswerter Artikel in der FAZ:
    http://www.faz.net/aktuell/politik/referendum-in-schottland/kommentar-der-nationalismus-als-progressive-kraft-13161834.html

  7. … na das hat doch (The City Of) London wieder mal gut hin-bekommen.

  8. Politicus sagt:

    Ein unabhängiges Schottland wäre erst mal weder Mitglied der EU noch der NATO. Da die Engländer ihr Pfund nicht teilen wollen, stünde Schottland ohne Währung da, außerdem wurde die größte Bank, die Royal Bank of Scotland, im Rahmen der Euro-Krise verstaatlicht, gehört also London. Die Rentenkasse für alle Briten, also auch für die Schotten, wird zentral in London geführt. Das Einzige, was die Engländer bereitwillig aufteilen, sind die britischen Staatsschulden. Da ist der schottische Anteil längst ausgerechnet.

    Na wenn das kein Grund ist im „Bündnis zu bleiben.

    Quelle: Michael Winkler

  9. oram sagt:

    wichtige abstimmungen, die den eliten gefährlich werden könnten, sind, waren und werden immer manipuliert. besonders die zenrale auswertung mit computern bietet den wenigen, die das berechnen, vielfältige möglichkeiten, wie auch die „hand“arbeit an der basisauszählung :

    https://www.youtube.com/watch?v=kUR-HgAtwtg

  10. infoecho sagt:

    wie blöd und naiv sind eigtl die schotten ? also ohne internationale wahlbeobachter und gläsernen urnen usw?
    die yes voter wurden beschissen 100%

  11. Irmonen sagt:

    Wenn alle in Schottland lebende Engländer mit Nein gestimmt haben, dann war das Ergebnis eigentlich vorauszusehen….und die Nichtwähler wer waren diese?

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