Welt-Online: Paywall ab Mittwoch oder ein zahnloser Tiger?

Stressed Over Money

Die Zeiten stehen so günstig wie nie, endlich Bezahlmodelle für Online-Medien durchzusetzen. Den Lesern steckt der Schock noch tief in den Knochen, wurde die Financial Times eben erst zu Grabe getragen und der alteingesessenen Frankfurter Rundschau auch das Ende bestätigt. Diesen Schwung will man nun offensichtlich nutzen, wenn doch eher halbherzig. Jedem Leser wird ein monatliches Kontingent an 20 freien Artikeln zugestanden, mit etwas technischem Verstand wird jedoch schnell klar, diese Schranke ist eher mentaler Art. Morgen, wenn die „Schranke“ herunterfährt, wird das Geheimnis gelüftet.


Die Einstellung der Financial Times hat mich persönlich traurig gestimmt, war sie immerhin neben den Presseagenturen eine meiner liebsten Informationsquellen. Mit der Einstellung sollte auch ein Nach- oder Umdenken einsetzen, was Journalismus an sich betrifft. Leider haben sich Verlage und Zeitungen immer mehr zu Wiederkäuern entwickelt und das ist beim besten Willen keine Leistung, für die ich bereit wäre, zu bezahlen. Oft wird sich nicht einmal die Mühe gemacht, ein anderes Bild zu verwenden, wenn schon die Story kopiert ist.

Es muss auf beiden Seiten ein Umdenken stattfinden, sowohl bei den Verlagen, als auch bei den Lesern. Solange die Verlage keine unabhängige, seriöse und ehrliche Berichterstattung machen, werden Leser auch nicht bereit sein, dafür zu bezahlen. Je weniger Leser bereit sind, zu zahlen, umso schlechter wird der Journalismus und die Berichterstattung. Es wird ein Perpetuum Mobile geschaffen, im negativen Sinne.

Der Vorstoß der Welt dürfte kaum jemandem eine Zahlung aus der Tasche leiern, technisch ist das Umgehen der „Paywall“ vermutlich mit einer kurzen Tastenkombination erledigt. Auf Nachfrage bei der Welt wurde bestätigt, dass eine Anmeldung zum Lesen nicht erforderlich sein wird. Die Möglichkeiten, die bleiben, dürften sehr wahrscheinlich Cookies sein, um die Aufrufe der Artikel zu zählen. Genau wird das morgen zu sehen sein, aber die Vermutung liegt nahe, dass eben dieses die Lösung ist, welche gewählt wurde.

Einzig die FT.com ist wirklich konsequent und erfordert zum Mitlesen eine Anmeldung. Warum aber sollte sich jemand bei der Welt anmelden, um zu lesen, was auch auf 30 anderen Seiten wortwörtlich steht, mit Ausnahme einiger weniger Bon Bons? Das dürfte auch der Welt klar sein und somit bleibt nichts, als auf das Mitwirken der Leser zu zählen. Würde man die Leser ohne Anmeldung aussperren, dürften die Werbeeinnahmen binnen Wochenfrist kollabieren, also auch keine Alternative.

Vermutlich wird ab morgen Mittag das Netz mit Hinweisen überschwemmt sein, mit Erklärungen, wie man die so genannte „Bezahlschranke“ umgeht. Meine jetzige Vermutung ist, dass ein einfaches Löschen eines Cookies reichen wird.

Kommendes Jahr will man auch bei der Bildzeitung eine Bezahlschranke einbauen, vermutlich wird dort technisch gesehen etwas anders gearbeitet, bisher ist das aber nur Spekulation.

Die Gesellschaft lebt die Kostenlosmentalität und die Verlage versuchen mit etwas Geld zu verdienen, wofür niemand bereit ist, zu bezahlen. Diametraler können Absichten sich nicht gegenüber stehen. Anstatt die Strategie zu ändern und sich zu fragen, was können wir zusätzlich anbieten, um Erträge zu erwirtschaften, versucht man nun den Geist wieder in die Flasche zu bekommen. Ein aus jetziger Sicht erfolgloses Unterfangen.

In eigener Sache möchte ich Ihnen mitteilen, dass die Ziellinie, welche ich mir bei dem Aufruf zur Beteiligung an einem Medienverlag gesetzt habe, erreicht wurde. Geschrieben hatte ich es nicht, aber mein Ziel war es, Zusagen in Höhe von 50.000 Euro über diese Seite zu generieren, um das Projekt weiter zu verfolgen. Diese Linie wurde erreicht und so sehe ich mich nun in der Bringschuld, eine Konzeption und Finanzplanung vorzulegen. Das wird einige Zeit in Anspruch nehmen, aber die Arbeit wird nun fortgeführt.

Einige hatten es als Verlag für Bücher verstanden, jedoch geht es primär um das Verlegen einer Nachrichtenplattform. Wie in einem Artikel zuvor beschrieben, soll es sich ein wenig an der FTD orientieren. Hierfür würde ein Redaktionsteam aus festangestellten sowie einigen freien Journalisten bestehend über die wichtigen Themen der Zeit berichten. Offen, ehrlich und unabhängig, wie Sie es auf meiner Seite gewohnt sind. Das Spektrum würde natürlich wesentlich weiter gefasst als jetzt, alleine aufgrund der unterschiedlichen Redakteure und Interessen. Eine gute, informative Nachrichtenseite lebt jedoch auch von der Vielfalt und darum ist das auch gut so. Es ist nicht geplant, ein subjektives Raster in zu großem Umfang über diesen Verlag zu legen. Mehr dazu in Kürze, wenn die groben Strategien stehen. Sollte der Verlag tatsächlich zur Gründung kommen, werden die Leser, welche sich bereits jetzt zur Unterstützung bereit erklärt haben, noch spezielle Bon Bons bekommen, da diese dem Gedanken erst Leben eingehaucht haben. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken.

Vielleicht bekommen Axel Springer, Gruner und Jahr etc. in Kürze einen neuen „Martkmitgestalter“. Wenn dem so ist, werden die sich ordentlich ins Zeug legen müssen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Die Leser haben es satt, für Dumm verkauft zu werden und Konsumenten von Manipulationen oder Propaganda zu spielen. Die Zeit für eine Veränderung ist reif und wir sind bereit, den entstehend Leerraum mit Leben zu füllen.

PS: Ich bitte alle Unterstützer, die noch keine Rückmeldung auf Mitteilungen von mir bekommen haben, um Verständnis, aber es ist sehr viel gewesen. Wer noch detailliertere Fragen hat, am besten noch einmal eine Mail an mich. Das Tool ist sehr unkomfortabel, was den Bereich der Mitteilungen angeht. Gelesen habe ich alle und es hat mich mit Freude und Stolz erfüllt, was dort zum Teil für liebe und nette Worte geschrieben waren. Danke an Sie dafür.

Carpe diem, Ihr

Jens Blecker


13 Responses to Welt-Online: Paywall ab Mittwoch oder ein zahnloser Tiger?

  1. Olaf Kriewald sagt:

    Das ist doch mal eine gute Nachricht, dass die Ziellinie erreicht wurde. Ich wünsche in unser aller Interesse eine erfolgreiche Konzeptionsphase. Es muss einfach ein solches Medienunternehmen gestartet werden.

    Nebenbei noch ein Gedanke: Vielleicht können die journalistischen Potentiale der wenigen Journalisten mit Rückgrat gebündelt werden. (Wirtschaftsfacts, Querschüsse, vielleicht Jens Vogt …)

    Noch ein Gedanke: Habe gerade die Welt online besucht. Ich dachte mir, ich mache das mal, solange es noch kostenlos ist. Das Modell der Paywall wird da inzwischen schon vorgestellt. Leider sehe ich mich ausser Stande, für den Müll zu zahlen. Für Qualitätsjournalismus würde ich es hingegen tun. Also: neben einer einmaligen Anschubfinanzierung gibt es sicher Nutzer, die auf freiwilliger Basis monatlich etwas für den Content ausgeben würden. Quasi um ihn erst zu ermöglichen. Auch das kann helfen, das Projekt zu finanzieren.

  2. Habnix sagt:

    So leid es mir tut aber als Arbeitnehmer in der Zeitarbeitsbranche haaabe ich gar kein Geld mehr für Informationen durch Medien, schon gar nicht für Manipulations Medien wie Bild und Konsorten.Diese Manipulations Medien haben sich wahrscheinlich durch ihr eigenes Verhalten den Ast abgesägt wo drauf sie sitzen.Weil sie als Mittäter der Regierung und der Konzerne der Verarmung einer breiten Bevölkerungsschicht beigetragen haben.Versteht jemand was ich meine.

    Die Masse hätte eigentlich das Geld aber sie wurde so weit schon verarmt schätze ich mal, dass das Feld jetzt um einiges kleiner ist und da auf diesem kleineren Feld will jetzt alles hin.Vorsicht mit Investitionen in dieser Zeit.Ich habe da scheinbar ein in der Hinsicht ein untrügliches Gespür.

    Bsp: Es ist wie vor Jahren als eine Versicherungsvertreterin mir weis machen wollte das eine Versicherung auf mehrer Säulen steht und einmal in Immobilien in Aktien und Beiträge oder sonstigem Investiert ist.Wobei ich bei Immo`s damals gedacht habe, „Bürohäuser stehen leer und die in Ostdeutschland wollen nach Westen wegen der Arbeit und was ist mit den restlichen Säulen? „

  3. dirk sagt:

    Bitte tue uns den Gefallen und bleibe weiter Kostenfrei Cheffe.
    Gegen einen freiwillgen Spendenbutton unter deinen Artikeln hätte ich nichts, aber ich vermute, bezahlte Onlinezeitungen werden sich nicht wirklich durchsetzen

  4. superomega sagt:

    Guten Abend erstmal,

    warum sollte ich denn für sogenannte Nachrichten bezahlen? Soll ich bezahlen für DaNachRichten?
    Die Politiker machen eh was sie wollen, ob ich das jetzt lese oder nicht. Und die alternativen haben auch keinen echten Mehrwert für mich. Sie haben zwar Recht mit ihrer Aufklärung, aber wirklich geholfen hat es für die EU oder USA wenn wir ehrlich sind auch nicht.
    Sollen halt alle ihre Bezahlschranke runterfahren, dann habe ich eben mehr Zeit für andere Dinge, die nichts kosten.

    Auf Wiedersehen.

  5. Nver2Much sagt:

    „Sie haben zwar Recht mit ihrer Aufklärung, aber wirklich geholfen hat es für die EU oder USA wenn wir ehrlich sind auch nicht.“

    Diese Aufklärung beschränkte sich doch die ganzen Jahre darauf überhaupt mal was zu schreiben ohne das gleich der KuKluxKlan vor der Türe steht sinnbildlich gesprochen. Die letzten 2 bis 3 Jahre waren doch nur dafür da Menschen aufzuwecken und ihnen klar zu machen da läuft etwas schief.

    Die Lesezahlen sind rapide angestiegen bei den MM rapide gefallen, also heißt es das schon viele aufgewacht sind.

    Dich weckt jemand morgens um 5 Uhr aus dem Tiefschlaf würdest Du da nicht auch zuerst einmal einen Kaffee trinken wollen um das alles zu verdauen anstatt gleich in Überhast eine Fahne zu schnappen und auf die Straße zu gehen, oder Dich in Überhast bei all Deinen Verwandten. Kollegen. Chefs unbeliebt zu machen.

    Das bringt nichts.

    In der Ruhe liegt die Kraft.

    Sie haben uns zig Hunderte von Jahren verarscht kommt es da auf 2 oder 3 Jahre an?

    Aber da könnte doch der 3. Weltkrieg kommen, wäääh bäääh und was wird dann aus mir?

    Das ist genau der Grund warum Propaganda auf den Scheiterhaufen gehört. Sozusagen Zeitungsverbrennungen am Besten am 24.12.2012.

    Wer macht mit?

  6. Perseus44 sagt:

    Das Ganze ist ein Zweischneidiges Schwert, erstmal Gute Leistung gehört und Honoriert und auch bezahlt, allerdings ist das Internet der Vorreiter zu einer Globalen Wissensgesellschaft. Noch nie in der neueren Geschichte war es so leicht an Informationen zu kommen.
    Gehen wir das Ganze doch mal in die Zukunft an, was wäre wenn man für Infos global, in dem land in dem und dort auf seinen Lieblings Infoportalen zahlen muss? Klar 10-15 € im Monat sind erstmal einzeln betrachtet nicht viel, vor allem wenn gute Info folgt, nur dabei bleibt es nicht um sich zu informieren brauchst bestimmt 10-15 Quellen, rechnet das mal zusammen bei sagen wir nur 10€ pro Quelle, biste allein bei 150€ dann kommt Tageszeitung dazu andere Medien sagen wir noch mal 70€ im Monat, bist bei schon 220 € Euronen, dazu Fersehgebüren, Providergebühren etc. nochmal 100€ ca. macht monatlich 320 €, gefühlte alte 650 Deutsche. Dann hast aber nur paar Quellen global, keine umfassende Informationsbeschaffung. Im Zeitalter des Wissens wohl kaum tragbar.
    Das aber nur mal zum Nachdenken, denke das sehen andere ebenso!!!

    Perseus

  7. Nver2Much sagt:

    Das ganze hakt doch schon daran. Wer kann sich Internet in den armen Länder erlauben?

    Und wenn dieser „arme“ Mensch sich Internet erlauben kann was kosten die Extras?

    Wenn man sieht wieviel Geld Sex Hotlines machen (weiß ich nicht wieviel, aber es muss soviel sein um die Werbung dafür zu bezahlen) Und der gleiche geht dann aufs Amt und sagt ihm fehlt es vorne und hinten, oder aber der nicht aufs Amt geht sagt mir fehlt es vorne und hinten.

    Wir sind immr noch bei 200 € Luftbrücke Palästinas.

    Das Problem ist nicht das Geld was dafür verlangt wird sondern kann sich das Geld jeder leisten?

    WILL SICH DAS GELD JEDER LEISTEN?

    Jens Dein Blog ist wunderbar nur ist das Problem alle wollen alles nur gratis.

    Ich mache es mal öffentlich ich werde Dir 50 € überweisen und dann kannst Du es demjenigen geben der sich das nicht leisten kann / will.

    Und wenn sich Personen getrauen sich zu äußern dann sollen sie I knews auch weiterhin umsonst erhalten.

    Eine Informationsseite lebt von Informationen und Informationen waren schon immer ihr Geld wert, wenn also jemand sich nicht die Informationen kaufen kann, oder will… dann kann er sie doch gegen Informationen tauschen, oder?!?

  8. Jens Blecker sagt:

    Lieber Olaf,
    das ist bereits soweit alles besprochen was einige der Seiten angeht die du hier ansprichst 😉
    Das Konzept sieht vor den Inhalt kostenlos zu stellen und Mehrwertdienste anzubieten.
    Btw läuft im Augenblick im Hintergrund der Versuch einer feindlichen Übernahme in einigen Bereichen ab, dazu aber später mehr.

  9. Jens Blecker sagt:

    😀

    Die Welt ist frei. Am besten stecken wir alle den Kopf in den Sand. Kann ick ma ja gleich vor de U-Bahn pfeffern hehe.

    Mein Lieber Omega, nichts tun…. war noch nie eine Alternative.

  10. Jens Blecker sagt:

    Es ist nicht geplant irgendwelche Inhalte Kostenpflichtig zu machen.

  11. dog_the_dog sagt:

    Genau so ist.
    lg the dog

  12. superomega sagt:

    Lieber Jens, ich bin gleicher Meinung wie Du. Jeder arbeitet mit seinen Talenten nach bestem Wissen und Gewissen. In den Sand stecke ich den Kopf nicht, sondern bin auch aktiv. Nur anders. Mir ist wichtig, das Leben mit konstruktiv positiver Energie aufzuladen. Und genau diesem Zweck werde ich den Rest meines Lebens widmen. Ich bin mir sicher, Du hast gleiche Ziele.

    Liebe Grüße.

  13. Jens Blecker sagt:

    Lieber Omega,

    leider ist es eher mein Job die ganzen Sauereien aufzudecken und zu dokumentieren, trotzallem wünsche ich mir eine gute und friedliche Zukunft. Ohne entsprechende Aufdeckung, würden viele Dinge aber noch viel schneller in die falsche Richtung gehen. Mit jeder Information lege ich der Bande Steinchen in den Weg. Leider gibt es zu wenige die das wirklich machen und darum sehe ich mich an meiner Position so einfach nicht ersetzbar. Lieber wäre es mir auch über tolle und schöne Dinge zu schreiben. Gottseidank habe ich mittlerweile den nötigen Abstand zu der Angelegenheit gewonnen, so dass ich trotzdem ein sehr erfülltes Leben habe und es auch genieße.

    verstehen tu ich deine Einstellung aber schon. Nur würden wir halt nichts ändern wenn niemand sich den ganzen kram antut 😉

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