Predpol: Verbrechensbekämpfung mit Software

predpol

Wer sich 2002 den Film „Minority Report“ angeschaut hatte, dürfte sich noch gedanklich voll in Hollywood befunden haben. Die Technologie hat sich jedoch in den letzten Jahren derart stark entwickelt, dass wir zumindest Precrime immer näher kommen, wenn auch noch ohne entsprechende Precocs. Das Drehbuch dieses Films stammt aus dem Jahr 1956, ob Philip K. Dick sich diese Entwicklung hätte träumen lassen? Es dürfte Sie nicht überraschen, dass auch die Filme „Der Plan“ und „Total Recall“ aus seiner Feder stammen. Ein Mann mit Visionen und einer ausgeprägten Aversion gegen Geheimdienste, der seine Werke zum Teil unter bewusstseinserweiternden Drogen schrieb.

Predpol ist eine Abkürzung für „Predictive Policing“, was man mit „vorausschauende Überwachung“ oder auch „Kontrolle“ übersetzen kann. Ziel soll es sein, mit einem Algorithmus wahrscheinliche Orte für kommende Verbrechen zu lokalisieren und mit einer entsprechenden Polizeipräsenz an diesen Stellen die Kriminalitätsrate zu senken. Zur Auswertung kommen historische Daten, anhand derer man sogar den wahrscheinlichsten Zeitpunkt für ein Verbrechen errechnen möchte.

Bei Technology Review heißt es dazu:

Mit Software gegen Verbrechen
Polizeifahrzeuge sollen diese Bereiche dann so oft wie möglich aufsuchen, wie sie es pro Schicht können: Um die Täter entweder auf frischer Tat zu ertappen oder sie zumindest von ihrem Tun abzuhalten. In einem Polizeiabschnitt in Los Angeles kam es mit dem Verfahren beispielsweise zu 25 Prozent weniger Einbrüchen – einer Anomalie im Vergleich zu anderen Abschnitten im gleichen Zeitraum. Predpol hält seine „fortschrittlichen Algorithmen“ und das „adaptive maschinelle Lernen“ des Systems für ausschlaggebend. Es sei damit besser als jeder menschliche Kriminologe.[1]

Es mangelt an wissenschaftlichen Daten, um die Wirksamkeit der Software zu belegen, wird entsprechend bemängelt. In dem „Polizeiabschnitt in LA“ jedoch hat sich die Software augenscheinlich bewährt?
An dieser Stelle muss man sich einige Fragen stellen, will man nicht viel zu kurz springen bei der Aufarbeitung des Themas.

Zunächst wollen wir uns mal damit beschäftigen, wer eigentlich Verbrechen überwiegend begeht. Brechen Menschen in Wohnungen und Häuser ein, weil man unter Langeweile leidet? Es mag sicherlich Fälle geben, in denen das zutrifft. Viele jedoch haben eine kriminelle Veranlagung aus anderen Gründen. Einer könnte beispielsweise das extrem schlechte soziale Umfeld, Drogen und ein Mangel an Perspektiven aufgrund einer schlechten Schulbildung sein. Die Großkriminellen führen die Verbrechen aus dem Büro, den Politiketagen oder dem Hintergrund aus. Diese wird man kaum mit Predpol erwischen können.

Nehmen wir aus dieser Reihe nun einen Junky, der ein Auto klauen oder eine Wohnung aufbrechen will, um sich seinen nächsten Schuss zu besorgen. Wird Predpol dafür sorgen, dass er dem Stoff abschwört und in eine Therapieeinrichtung wechselt, da die Aussicht auf einen erfolgreichen Bruch zu sehr gesunken sind? Nehmen Sie es mir nicht übel, aber die Wahrscheinlichkeit dafür dürfte sich in einem Prozentsatz von 0,xx bewegen. Es ist eher davon auszugehen, dass er sich andere Ziele sucht und somit die Kriminalität in andere Bereiche verdrängt wird, in die sich die Polizei nicht hin traut oder mangels Personal einfach überfordert ist. Wen interessiert schon, wenn die Junkys dann in der Unter- oder Mittelschicht ihr Unwesen treiben?

Nehmen wir mal die Vergewaltiger als nächstes. Zumindest in Europa wird das fast wie ein Kavaliersdelikt behandelt. Wer die Steuer betrügt bekommt wesentlich empfindlichere Strafen, als jemand, der ein Kind oder eine Frau schändet. Die ärmsten Vergewaltiger sind ja schließlich häufig selbst „Opfer“ in ihrer Kindheit gewesen, Sigmund Freud lässt grüßen.

Gehen wir nun mal zu einem anderen Beispiel über. In Spanien war die Kriminalität früher sehr schlimm im Süden, kaum Häuser ohne daumenstarke Gitter vor den Fenstern. Selbst am helllichten Tage wurde dort in Gebäude eingebrochen, auch wenn die Bewohner anwesend waren. Nicht aus Langweile, sondern aus Armut. Vor der Krise erlebte Spanien einen wirklichen Höhenflug und die Armut nahm ab. Die Verbrechensrate sank und es wurden immer weniger Gitter an den Fenstern verbaut. Man könnte nun im Umkehrschluss denken, sinkende Armut ist gleichzusetzen mit sinkenden Verbrechen?!? Die Verbrechensrate steigt im Augenblick übrigens wieder rasant an, so mitten in der Krise.

Warum versucht man nicht, das Übel an der Wurzel zu packen und den Reichtum gerechter zu verteilen, sondern die möglichen Verbrechen mittels Algorithmus zu berechnen? Immer mehr Geld wird bei immer weniger Menschen akkumuliert. Die Mittelschicht wird pulverisiert und ein Großteil der Menschen in die Armut getrieben. Würde ich Hunger leiden oder meine Kinder müssten sterben, da ich mir die Behandlung nicht leisten kann, ich weiß nicht, wie weit ich bereit wäre, zu gehen. Sicher ist, ein Autodiebstahl wäre das Geringste, was ich bereit wäre, zu tun.

Wir brauchen nicht noch mehr Überwachung, um einige Wenige vor den Verbrechen zu schützen, sondern eine angemessene Lebensqualität für jeden Menschen. Solange Kinder oder Menschen sterben, weil sie sich ein Medikament oder Nahrung nicht leisten können, solange immer mehr Menschen in das Drogenmilieu abgleiten, weil sie keine Perspektiven haben, wird sich für den Großteil der Menschen nichts ändern. Überwachung macht nicht satt, gesund oder high! So einfach ist die Gleichung aufzumachen.

Carpe diem

[1] http://www.heise.de/tr/artikel/Mit-Software-gegen-Verbrechen-1820715.html

Homepage von Predpol mit Presseberichten, Videos, etc.


3 Responses to Predpol: Verbrechensbekämpfung mit Software

  1. Mesopause sagt:

    Ein direktes Wirkprinzip kann einfach monetarisiert werden. Ein indirektes, dessen Komplexität faktorielle Wirkfunktionen in ihrer Dynamik nicht transparent machen können, lässt sich schlichtweg nicht verkaufen.

    Denn die Frage ist „wie kann man die Kosten für etwas rechtfertigen, wenn man den Effekt nicht qualifizieren, quantifizieren oder zeitlich bemessen kann?“

    Jeder, der über ein Budget verfügt, fragt sich „rechnet sich das?“ und wird auch gefragt „was kostet das?“ Das erste ist das typische „was Du nicht messen kannst, kannst Du auch nicht managen“ (frei zitiert nach Peter Drucker). Die zweite Frage beschäftigt sich mit dem Rechtfertigungsdruck, dem man beim Disponieren von Kapital aus dem nicht-persönlichen Besitz ausgesetzt ist.

    Entrepreneure schaffen aus einem diffusen Problemfeld ein gewinnschöpfendes Wirkprinzip herzuleiten. Die Frage, warum die Ökonomie die Beseitigung der Armut nicht erbringt, obschon ihre Natur ein Gewinnstreben kennzeichnet, mag wohl damit zu tun haben, dass dies nur als Vektorfunktion vorliegt und die emergente Eigenschaft die Entropie ist (Totalzusammenbruch, bei dem ausschließlich ein einziger Akteur profitiert). Denn ihr Akteur mit der größten Hebelwirkung – die Hochfinanz – verfolgt selbstgerechte egoistische Ziele, anstelle einen übergeordneten Wertbeitrag zu einer Gesellschaft zu liefern, die nicht auf Übervorteilung und Ausbeutung (auch oft im Mainstream als „Wachstum“ bezeichnet“) abzielt.

    Allerdings gibt man auch hier wieder gestalterische Macht aus der Hand, d. h. übergibt die Verantwortung für die Ausgestaltung des eigenen Lebens anderen. Niemand zwingt einen, das Hab und Gut anderer Menschen zu stehlen. Niemand zwingt einen fest verwurzelt zu bleiben, und nicht sein Glück wo anders zu suchen. Es ist die Aufgabe eines jeden einzelnen, die Entscheidungen für das eigene Leben zu treffen und den Wert zu bemessen, den der Einsatz hat, diese Entscheidungen zu verfolgen.

  2. Habnix sagt:

    Bei der Prokativen Umverteilung von vielen mit wenig Mitteln, hinzu wenigen mit viel Mitteln, ist es keine Kunst vorherzusagen wo Verbrechen in Zukunft passieren werden.Da braucht man sicher kein ausgeklügelten Algorithmus.

  3. Tranfunzel sagt:

    @Mesopause Entschuldigung, aber ich habe noch nie so viel pseudointelekuellen Blödsinn gesehen.

    Woher kommen diese Ansichten wirklich? „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“? Wirklich? Was sind denn Wirtschaftsflüchtlinge? Gibt es einen Gradienten, quasi ein Armutsgefälle innerhalb Europas oder der ganzen Welt? Wasser fließt allgemein bekannt nicht den Berg herauf.
    Welche Personengruppe wandert denn gerne in die „reicheren“ Länder? Die Intelligenten oder hochqualifizierte Facharbeiter? Nö ne, nicht wirklich.

    Was bedeutet es für einen Staat, wenn ich den Satz sage „sozialer Friede kostet Geld“. Es ist schlicht ein Fakt, und das hat Jens auch gesagt, je größer die Schere zwischen „reich“ und „arm“ auseinander klafft, desto höher ist die Kriminalität und auch der Unfriede in einem Land. Natürlich wird es immer reiche und arme geben. Das ist so. Aber die „normalen in der Mitte“ werden aufgerieben. Was ist den Altersarmut? Ein Schreckgespenst? Nein ein logische Tatsache dieser sozialdarwinistischen Politik. Viele Menschen sind schlicht und ergreifend „unwirtschaftliche Kostenfaktoren“ und das Problem muss (end) gelöst werden.
    Was ist neoliberales Wirtschaftsdenken, denn anderes als Egoismus in Reinstkultur. Diese Ideologen sind „asozial“ bzw. soziopathisch veranlagt. Sorry.

    Die USA sind überhaupt kein Vorbild, denn ihr Denken stammt großteils aus dem 18. Jahrhundert, also völlig antiquiert. Im amerikanischen Justizsystem geht es primär um Bestrafung und nicht um Resozialisation. Bei Kleinkriminellen und einfachen Delikten ist Resozialisation in Europa oberstes Gebot. Bei schweren Straftaten und „Gewohnheitskriminellen“, das gebe ich zu, kann man sich die Samthandschuhe sparen.
    Man muss sich mal Fragen für welche Dinge man in den USA mit welchen Strafen bestraft wird. Die Antwort kann sich jeder selber geben.

    Dann die Sache mit der Entropie. Entropie ist eine Größe aus der Thermodynamik. Was sie wirklich besagt erschließt sich einfach nicht jedem.
    „Geld“ verhält sich überhaupt nicht nach der Thermodynamik. Dort strebt die Entropie S immer danach dem Betrag nach größer zu werden (exergonisch im Gegesatz zu exotherm).

    Geld hat die üble Eigenschaft, wie es der einfache Volksmund schon sagt auf einem Haufen zu sammeln. „Der Teufel schei..t immer auf den gleichen Haufen“

    Natürlich ist deine Aussage „niemand wird gezwungen kriminell zu werden“ eine Binsenweisheit. Man kann sich ja auch fragen, ob viele „Reiche“ nicht kriminell sind. Ich meine nicht nur Steuerhinterziehung, sondern ganz einfach Betrug, Bestechung, Vorteilsnahme usw. Mit „legalen Mitteln“ wird man niemals reich, es sei denn man ändert sich die Gesetze so, das gewisses Handeln eben nicht mehr strafbar ist.
    Wie war es denn mit den ganzen LIBOR und EURIBOR Geschichten? Was sind „offshore Paradiese“ und warum stopft man diese Löcher im Finanznetz wohl absichtlich nicht?

    Vielleicht läuft es eher anders, nach dem Motto „Schrei doch, wenn du kannst“ oder lauf doch in ein anderes Land und versuche dort dein „Glück“. Das Problem dabei ist aber, das der gesamte „Westen“ eine Art riesiger Käfig ist. Ohne Gitterstäbe zwar, aber der Totalkontrolle wir man sich nicht wirklich entziehen können.
    Insofern bekommt auch der Begriff „Freiheit“ eine völlig andere Bedeutung.
    In der DDR hatten die Leute Geld in den Taschen und standen vor leeren Schaufenstern. Sozialismus ist halt einfach strukturbedingt Mangelwirtschaft, da es gar kein Unternehmertum gibt.
    Heute sind die Schaufenster proppenvoll. Aber die Leute stehen davor und können sich viele Dinge einfach nicht leisten. Auf Kredit??
    Welcher Zustand ist für die Menschen erträglicher?

    Was soll der Mist mit Freizügigkeit und Euro in der EU, wenn immer mehr Menschen gar nicht die Möglichkeit haben in ander Länder zu reisen.

    Die „Freiheit“ verkommt zu einem imaginären Ding. In der Realität gibt es sie aber nur noch für wenige, die es sich „leisten“ können.

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