Saudi-Arabien vs Iran: Befreiungsschlag für die Ölförder-Nationen?

sniper scope aimed at the vintage middle east map

Erdöl fungiert noch immer als Schrittmacher der Weltwirtschaft, allerdings ist die Thematik sehr viel komplexer geworden. Meiner Ansicht nach dient es im Augenblick sogar als Waffe, geführt von den USA. Das Hauptziel dürfte Russland sein, auch wenn man damit als positiven Nebeneffekt noch weitere unliebsame Gegner in Bedrängnis bringt. Unvorteilhafterweise geraten auch Verbündete und die heimische Schieferölindustrie in Schieflage. Kollateralschäden gehörten jedoch schon immer mit dazu, wenn die USA ihre Interessen vertreten haben. Die Eskalation zwischen Saudi-Arabien und dem Iran könnte sich als Rettungsanker der Ölförder-Nationen erweisen, es beinhaltet jedoch immense Gefahren für die Welt. Im Folgenden eine persönliche Einschätzung.


In den Medien wurde mehrfach auf jene eingedroschen, die den USA eine Manipulation des Ölpreises unterstellten. Zu dieser Kategorie zähle ich mich persönlich auch. Werfen wir einen Blick auf einige wichtige Fakten und eruieren danach diese Einschätzung.

Als der Ölpreis zwischen 2007 und 2008 mit fast 150 Dollar sein Allzeithoch markierte, hatte das mit der Realität nicht mehr viel gemeinsam. Nicht nur vor Venezuela wurden gigantische Vorkommen entdeckt, auch andere Nationen meldeten Zug um Zug gewaltige Vorhaben. Erst der „Crash“ 2008 führte zu einem – ebenso absurden – Massaker an den Terminmärkten. Bis unter 40 Dollar ging der freie Fall der Rohölsorte WTI, was einem Rückgang von 106 Dollar bzw. 73 Prozent entspricht.

Hier ein Langzeitchart von Godmode Traders:

wti_long

Wie von Geisterhand erholte sich der Ölpreis wieder in Richtung von 100 $, wobei man die Geisterhand auch beim Namen nennen kann: die FED als Handlanger der USA. Kommen wir kurz zu einem Chart, der destruktiver nicht sein könnte und der aufzeigt, wie dramatisch und surreal die Situation im Augenblick tatsächlich ist:

Quelle: 3Sat

Quelle: 3Sat

Abgesehen von Saudi-Arabien sind nicht einmal mehr jene Staaten in der Lage die Förderkosten zu erwirtschaften, die eigentlich „nur“ die Pumpen anschmeissen müssen. Ganz zu schweigen von Ländern, die Schieferöl abbauen oder das schmutzige Geschäft mit Ölsanden betreiben. In den Leitmedien wird kolportiert, die Saudis würden der US-Schieferölindustrie den Rest geben wollen. Das ist nicht nur absurd, sondern auch in vollem Umfang unlogisch.

Es ist hinlänglich bekannt, dass das saudische Königshaus nicht sehr populär ist. Weder bei der Bevölkerung, noch bei den Anrainerstaaten. Würden die USA ihre schützende Hand über Saudi-Arabien wegziehen und die 5. Flotte nach Hause beordern, wäre die Dynastie binnen Wochenfrist Geschichte. Die Schieferölindustrie ist nunmehr nicht nur in Bedrängnis, es droht eine Katastrophe. Durchschnittliche Förderkosten von über 70 Dollar je Barrel und eine gewaltige Schulden- und Junkbondblase drohen die nächste Krise in den USA auszulösen. Es geht um Billionen, das darf man nicht vergessen.

Üblicherweise sichern sich Unternehmen über einen gewissen Zeitraum mittels Hedging ab, um gewisse Schwankungen an den Weltmärkten abfedern zu können. Das wird sicherlich einen Teil der nunmehr fast 1 Jahr andauernden Durststrecke überbrückt haben. Irgendwann ist jedoch auch dort die Luft raus. Ebenso scheint im saudischen Staatshaushalt die Luft raus zu sein: Stattliche 90 Milliarden Defizit hat man dort im vergangenen Jahr angehäuft, was ein Defizit von etwa 10 Prozent des Gesamthaushaltes ausmacht. All das um einer bereits implodierenden US-Schieferölwirtschaft den Boden unter den Füßen zu entziehen? Nehmen Sie es mir nicht übel, aber das ist für mich in keinster Weise plausibel.

Kommen wir zurück zu den USA, auch dort gab es einige „Kuriositäten“. Wenn die USA kein Interesse an dem niedrigen Ölpreis hätten, welchen Sinn ergeben dann folgende Maßnahmen? Es ist nicht lange her, da offenbarte man der Welt, dass man etwa 10 Prozent der „strategischen Erdölreserven“ auf den Weltmarkt werfen wolle. Das entspräche etwa 60 Millionen Barrel. Wäre nicht zu erwarten, dass der psychologische Effekt den Sturzflug des Öls befeuern würde? Lächerlich war die Erklärung dazu, man würde mit dem Erlös den Staatshaushalt stabilisieren wollen. Das wäre so, als würde man mit einem Fingerhut voll Wasser versuchen einen Großbrand zu löschen.

Ein weiterer Aspekt, den man nicht aus den Augen verlieren sollte, ist der überraschende Schulterschluss mit dem Iran. Für Jahrzehnte galt das Land als Teil der Achse des Bösen, immer strebend nach der Atombombe. Sanktionen über Sanktionen, Drohungen über Drohungen. Mitten in der schwersten Krise der US-Ölindustrie kommt man jedoch zum Schulterschluss? Nun, um dem Ölpreis einen weiteren Dämpfer zu geben, reichte bereits die Ankündigung. Immerhin besitzt der Iran die weltweit 4. größten Ölreserven und könnte ohne Sanktionen die Förderung massiv ausweiten. Auch das macht im Hinblick auf eine kollabierende Öl-Industrie in den USA wenig Sinn. Um die folgenden Rechnung zu verstehen, braucht es weder ein Studium der Raketenwissenschaften, noch der Mathematik. Die USA verbrauchen in etwas mehr als einem Monat ca 700 Millionen Barrel Öl. Das lässt sich recht einfach aus den strategischen Reserven ableiten. Folglich sind es auch die USA, welche am meisten von einem niedrigen Ölpreis profitieren. China lassen wir in diesem Artikel bewusst außen vor. Warum also sollten sich die USA einen Zacken aus der Krone brechen, eine ohnehin völlig überschuldete Schieferölindustrie als Kollateralschaden über die Klinge springen zu lassen? An diesem Punkt überlasse ich Sie ihren Gedanken dazu.

Kommen wir nun zum Topic und meiner Einschätzung zum Thema Iran / Saudi-Arabien. Das es zumindest zu Spannungen führen würde, wenn man den Geistlichen Nimr al-Nimr hinrichtet, war in jedem Fall abzusehen. Wie stark die Situation hingegen eskaliert, war nicht unbedingt klar. Es gab unzählige andere Provokationen der Saudis, welche nicht an den Rand eines Krieges geführt haben. Jetzt jedoch ist das Potential erheblich und komischerweise hat das keinerlei Einfluss auf den Ölpreis. Der Telegraph schreibt dazu: „Spannungen zwischen dem Iran und Saudi-Arabien können den Crash des Ölpreises nicht stoppen, Brent fällt unter 35$ und markiert damit ein neues 11-Jahres-Tief, während der Iran sagt, dass Überangebot sei eher eine Gefahr für die Preise als ein neuer Nah-Ost-Konflikt.“

Sieht man sich die Situation ganz nüchtern an, würde ein militärischer Konflikt das wichtigste Nadelöhr der Ölexporte – die Straße von Hormus – bedrohen. Nachdem – laut russischen Aussagen – der Iran auch über das Luftabwehrsystem S-300 verfügen soll, wäre kaum jemand in der Lage, das zu verhindern. Und der Iran drohte nicht nur einmal mit der Schließung des Seeweges. Bei der russischen Nachrichtenagentur Sputnik heißt es zum Konflikt:

Teheran und Riad – kommt bald Krieg?
Die Zuspitzung des Konflikts zwischen Saudi-Arabien und dem Iran kann laut des ehemaligen Chefs des US-Zentralkommandos für den Nahen Osten, General Anthony Zinni, in einen groß angelegten Krieg übergehen.[1]

Was wäre denn die Konsequenz, sollte es zu einem Krieg kommen? Der Ölpreis würde vermutlich kurzfristig explodieren, damit ist sicher zu rechnen. Abgesehen von der möglichen Schließung der Straße von Hormus wären auch – mindestens – zwei der größten Erdölförder-Nationen direkt involviert. Was das bedeuten dürfte, braucht man nicht extra zu erörtern. Russland wäre ja mittlerweile auch mit – den noch moderneren – S-400-Luftabwehrsystemen in der Nähe des Geschehens. Russland hätte sicherlich ebenso wenig wie der Iran oder Saudi-Arabien etwas gegen höhere Ölpreise einzuwenden. Ohne den Protektionismus der USA zu gefährden, wäre Saudi-Arabien jedoch niemals in der Lage den Ölpreis nach oben zu bringen, was man in die Überlegung einbeziehen sollte.

Kommen wir nun noch zu einer aktuellen Meldung von heute. „US-Außenministerium bereitet sich auf neue Iran-Sanktionen vor„. Grund sei das Raketenprogramm. Erinnern Sie sich noch an die oben geschriebenen Zeilen? Erst kürzlich hatte man doch den Schulterschluss geprobt und den Iran nach Jahrzehnten endlich aus der Achse des Bösen entlassen. Nun, es war nur eine Absichtserklärung, wie ich ja schon erläuterte.

Sollte es zu einem Krieg zwischen dem Iran und Saudi-Arabien kommen, brennt der gesamte Nahe und Mittlere Osten, so meine Einschätzung. Wie sich das dann speziell noch auf Europa und die Flüchtlinge auswirkt, würde den Rahmen des Artikels sprengen. Ich bin mir zumindest relativ sicher, der Flächenbrand wäre gigantisch.

Carpe diem

[1] http://de.sputniknews.com/politik/20160105/306941084/teheran-riad-krieg.html


8 Responses to Saudi-Arabien vs Iran: Befreiungsschlag für die Ölförder-Nationen?

  1. Elia sagt:

    Der Flächenbrand ist jetzt schon gigantisch-auch schon in dieser Region.Zweitens haben wir es mit gescheiterten geopolitischen Plänen zu tun-nun kommen B Pläne-Ersatzpläne.Wäre der Ukraineputsch vom Februar 2014 wirklich „erfolgreich“ gewesen-wäre die Krim und der Donbass in den Händen von Kiew(Putschisten).Mit der Kohle vom Donbass könnte man die Ukraine relativ mit Strom versorgen-ohne das Problem mit den AKWs.(Nur Russland hat neue Brennstäbe und kann die alten abnehmen-da es sich um AKWs aus Zeiten der Sowjetunion handelt).Die russiche Schwarzmeerflotte wäre-ohne die Krim-handlungsunfähig-damit wäre Assad in Syrien spätestens Ende 2014/Anfang 2015″gefallen“.Russland hätte sich aus logistischen Gründen niemals dort einlassen können.Die Flüchtlingskrise vom Sommer 2015(Anfang)wäre zumindest anders gelaufen.Die Dinge hängen massiv zusammen.Ein“offener“Krieg dieser Mächte-wäre natürlich eine erneute Steigerung der Eskalation.

  2. Frank H. sagt:

    Dazu möchte ich ein Interview mit Peter SchollLatour(+) beisteuern. Es wurde bei Heise Online veröffentlicht. Äußerst lesenswert und klärt über den Dampfkessel Nahost auf.
    Scholl-Latour hat auch das Buch „Der Fluch der bösen Tat“ geschieben. Die Destabiliserungspolitik der alten Ordnung für die Übernahme des eurasischen Schachbretts (nach der Brezezinsky Doktrin) fliegt den USA nämlich um die Ohren. Zu viele Länder versinken statt in NEUE Welt Ordnung in absolutes Chaos ohne Ausweg.
    Lesen Sie also bitte gerne diesen Artikel über die Sicht eines Globetrotters und europäisch patriotischen Weltjournalisten der Dinge in Mesoptamien: http://www.heise.de/tp/artikel/46/46941/1.html

  3. Frank H. sagt:

    Chaos im Nahen Osten – Das zerstörte Gleichgewicht

    Ein starker Iran wähnt sich einem schwachen Arabien gegenüber – und baut seinen Einfluss gezielt aus. Die Saudis halten dagegen. Der Nahe Osten versinkt in Unordnung. (Ein Kommentar der FAZ Redaktion)
    […]
    Saudi-Arabien will die Lücke allein füllen und lässt sich von keinem Verbündeten mehr vorschreiben, wie es zu handeln hat. Das kann konstruktiv sein, wie neulich auf der Konferenz der syrischen Opposition in Riad, es kann aber auch destruktiv sein, wie der Konflikt mit Iran, der für den Krieg in Syrien nichts Gutes verheißt.

    http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/was-sind-die-gruende-fuer-den-konflikt-zwischen-saudi-arabien-und-iran-13999097.html

  4. Jens Blecker sagt:

    Zumindest China scheint den Ölpreis eben für ein Schnäppchen zu halten:

    https://t.co/aRDPwoHuPK

  5. Jean Paul sagt:

    So muss das werden:
    Irans Botschaft im Jemen wird von Saudi-Arabiens Armee unter Raketenbeschuß genommen.
    http://www.echo-online.de/politik/ausland/iran-meldet-saudische-raketenangriffe-auf-seine-botschaft-in-jemen_16527895.htm

    Hat noch jemand vor 2016 als das Jahr der neuen Heiligenverehrung in Roms Vatikanstadt ohne Reue zu begehen?

    Kann es sein, dass wir hier das untere Ende des Eisbergs mal wieder zu erst sehen und kommentieren müssen?

    Die jungen Wilden in Teheran und Riad sind los. Die USA hat den Stöpsel gezogen, nun muss sie nur noch abwarten.

    Kritik: William Engdahl lag diesesmal aber voll mit Washingtons neuer Liebesmühe total danaben!!

    Das habe ich ihm auch schon damals als Mail gepostet und vorausgesagt. Es geht nicht nur um Öl, das genug vorhanden ist, es geht um angloamerikanische WELTMACHT, GELDGIER und ABENTEUEREI.
    Die USA sind ein wildes heterogenes Volksgemisch, das keinerlei sozial entwickelte Standards anerkennt.
    Dazu kommt eine gigantische Arroganz der Republikaner und Demokraten ggü. anderen Völkern.

    Das viele Geld macht aus den USA einen Zombie. – Vielleicht den Zombie der letzten 3 Tage??

  6. Jean Paul sagt:

    Debatte: US ultrarechtsreligiöse Brandstifter gegen libertäre Friedenstifter über die Nahostpolitik (Must see!)
    http://www.veteranstoday.com/2016/01/06/saudi-arson/

    Die US Schattenregierung setzen den nahen Osten nun komplett in Brand, hauptsache sie können ihn dann übernehmen. Die Europäer, aka erweiterte EUdSSR Kolonialisten, werden erneut nicht gefragt, sondern nur informiert!

    Ich hatte in artikeln davor gewarnt, dass das Imperium den muslimischen Gürtel sprengen muss, wenn sie in das Zentrum der Seidenstraße vordringen wollen. Ihre Bodentruppen reichen derzeit nicht aus. Also muss sich der Feind gegenseitig abschlachten.

    Ich mache keinen Hehl daraus, dass Feuer manchmal Feuer bekämpfen muss:

    Wenn nicht bald eine größtmögliche Vakuumbombe des Planeten auf London und Washington niedergeht, wird dieser Planet endgültig zur Hölle fahren!!

    Putin und Xi müssen sich endlich mal entscheiden, ob sie NUR ALTERNATIVE OLIGARCHEN(?) sein wollen, oder wirklich den eine Welt Laden ausräuchern und aufräumen wollen. Zu Kuckuk aber auch. Vorallem Putin läuft militärisch gesehen die Zeit davon.

  7. Frank H. sagt:

    Saudis planen Mega-BörsengangDeutsche Bank darf auf Mandat hoffen

    Es geht um den größten Börsengang aller Zeiten: Saudi Aramco wird auf mindestens eine Billion Dollar geschätzt. Eine Beteiligung an diesem Projekt wäre ein großer Coup für jedes Emissionshaus. In Frage kommen nur die, die sich bereits verdient gemacht haben.

    http://www.n-tv.de/wirtschaft/Deutsche-Bank-darf-auf-Mandat-hoffen-article16730566.html

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